Der jüngste Friedhof seit 1841

In Groß-Gerau gab es drei jüdische Friedhöfe. Der jüngste - heute noch vollständig erhalten - wurde 1841 eingerichtet neben dem 1937 gebauten Freibad in der Theodor-Heuss-Straße. Er war Beerdigungsstätte für die 18 jüdischen Gemeinden im Einzugsbereich zwischen Darmstadt, Bickenbach, Mainz, Rüsselsheim, Wiesbaden und Frankfurt. Diese Gemeinden waren dem Friedhofsverband Groß-Gerau angeschlossen. Ab 1910 wurden auch Juden aus Groß-Gerau dort beerdigt. In den Jahren 1909, 1918, 1938 und 1963 gab es dort Friedhofsschändungen.

Jüdischer Friedhof heute Luftaufnahme von Groß-Gerau im September 1931.
Rechts unten der jüdische Friedhof. Links oben neben der Stadtkirche zeigt der Pfeil auf die Synagoge
   

1936 geschah jene beispiellose Verletzung der Totenruhe gegen alle jüdische Tradition, als auf Grund einer Erweiterung des früheren Landratsamtes gegenüber dem Marktplatz (heute steht dort die Kreissparkasse) die jüdische Gemeinde gezwungen wurde, das alte Gräberfeld auszuräumen. Die Skelette mußten per Karren in ein Massengrab auf den neuen Friedhof verbracht werden. Noch heute ist dies als kleiner Hügel sichtbar. Diese Arbeit wurde im November 1936 von Moritz Goldberger verrichtet, der täglich vier bis fünf Grabstellen räumen mußte und die Leichen auf einem schwarz verhangenen Karren durch Groß-Gerau zum neuen Friedhof schob. Bei einer solchen traurigen Fuhre, die sein Sohn Ludwig begleitete, soll es vorgekommen sein, daß SA-Leute einen Totenschädel aus dem abgedeckten Karren herausholten und ihn unter dem Gelächter der Zuschauer auf die schwarze Decke des Wagens zurückwarfen.

Hügel über dem Massengrab auf dem neuen Friedhof. Der Gedenkstein trägt die Inschrift: "Ruhestätte jüdischer Mitbürger aus Groß-Gerau, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft widerrechtlich umgebettet wurden."

 

Die letzte Beerdigung in der Zeit bis 1945 war die von Emma Lehmann aus Weiterstadt (24. 4. 1893 - 24. 6. 1938). Sie soll sich erhängt haben, als ihr mitgeteilt wurde, sie werde "abgeholt". Von den vielen anderen sollte nichts, kein Grabstein, kein Name bleiben. Das Massengrab von 1936/37 und die zerstörte Gedenktafel für die 44 gefallenen Glaubensbrüder im Ersten Weltkrieg sind die Mahnmale auf dem Weg, der noch nicht einmal durch die Gewährung des Rechts auf Totenruhe vorgezeichnet war.

Foto oben: Auf dem Friedhof errichtete man am 29.11.1931 dieses Denkmal zur Erinnerung an jüdische Soldaten aus Groß-Gerau, die im ersten Weltkrieg gefallen waren, in dem sie ihrem Vaterlande dienten, wie die übrigen Staatsbürger auch. An der Einweihung nahmen Vertreter der Stadtverwaltung teil sowie die Vertreter anderer Behörden, ein katholischer Pfarrer sowie der Stellvertreter der allgemeinen Kämpferorganisation. Dieses Denkmal haben die Nazis in der sogenannten "Reichskristallnacht" zerstört.

Foto unten: Nach dem Krieg wurde es von der Stadtverwaltung in diesem zerstörten Zustand belassen, ergänzt wurden die beiden Tafeln links und rechts davon. Auf ihnen steht: "Dieses Ehrenmal für die im 1. Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten des Landkreises Groß-Gerau, das unter der nationalsozialistischen Herrschaft zerstört worden war, wird in diesem Zustand belassen, den künftigen Generationen zur steten Mahnung. Die Bürger der Stadt Groß-Gerau ehren das Andenken der jüdischen Mitbürger der Stadt und des Kreises Groß-Gerau, die durch das unmenschliche Naziregime 1933-1945 umgekommen sind, und deren letzte Ruhestätte unbekannt ist."

 

"Möge seine Seele eingebunden sein im Bündel des Lebens", so lautet ein häufiger Wunsch, eingemeißelt auf die Grabsteine verstorbener Juden, die auf dem Groß-Gerauer Friedhof bestattet wurden. Die Bestattungen erfolgten jeweils getrennt nach Kindern bzw. Jugendlichen, nach Erwachsenen und Verheirateten und Ledigen, immer ausgerichtet nach Osten. Die Bestattungsbräuche haben ihren Ursprung in der jüdischen Religion. Die Unberührtheit eines jüdischen Friedhofs ist ein zuverlässiges Indiz für das Alter der jüdischen Gemeinde, wenn nicht die Ruhe des toten Besitzers gewaltsam gestört wird.

Gräber Groß-Gerauer Jüdinnen und Juden auf dem jüdischen Friedhof in der Theodor-Heuss-Straße

Das folgende Verzeichnis der Gräber ist chronologisch geordnet. Es ist entnommen aus: Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn. Jüdische Gemeinden und Synagogen im Kreis Groß-Gerau, 1990, 134f. Nummer 12 gehört damit zu den ältesten des 1841 eingerichteten Friedhofs. Vom Eingang kommend liegt das älteste Grab am anderen Ende, auf der rechten Seite liegen die jüngsten Gräber. Die letzte Beerdigung im NS war die von Emma Lehmann aus Weiterstadt und fand am 24. Juni 1938 statt. Sie soll sich erhängt haben, als ihr mitgeteilt wurde, sie werde abgeholt. Die erste Beerdigung nach dem Krieg war die von Ludwig Goldberger, der als einziger Jude nach Ende des Nationalsozialismus wieder nach Groß-Gerau zurückgekehrt war. Er starb am 2. Januar 1996.

12) Moses, gest.1845
22) Isaak, Sohn d. Jehuda Oppenheimer, gest.13.5.1846
39) Hayim, Sohn d. R. Simon, Best. 9.11.1848
43a) Reischen, Gattin d. Elieser Schott, gest:1849
47) Madel, Tochter d. H. Jehuda, Gattin d. Samuel Lindheimer, gest. 9.5.1850
95) Hanna, Gattin d. H. Herz, Best. 21.10.1855
221) Kiefe Simon, gest. 9.6.1870
243) Jos. Simon (4.11.1838-11.12.1872)
270) Eva Simon (August 1812-15. Juni 1874)
281) ... Hirsch, gest.1875
328) Hannchen, Gattin d. Mordekhai Marx, gest. 4.10.1879
330) Gitel, Gattin d. Kalonimos Simon, gest. 4.2.1880
343) Rancke, Gattin d. Joseph Hirsch, gest. 8.2.1881
393) Amalie Hirsch (9.12.1842 - 31.5.1885)
402) Simon Gottschall (10.10.1831- Juli 1886)
418) Josef Hirsch, gest.1887
421) Feist Hirsch (Jan. 1836 - Jan.1888)
429) Josef Oppenheimer (4.4.1818 - 2.12.1888), Henriette Oppenheimer (11.12.1836 - 10.10.1902)
461) Rosalie Marxsohn geb. Adler (15.2.1843 -20.2.1892)
477) Gottschalk Hirsch (3.7.1838 -22.1.1895)
548) Marx Marx (26.8.1833 - Juli 1903)
558) Leopold Löwenstein (1.1.1835 - 28.3.1904)
568) Isaak Schott, gest.1905
580) Karoline Marxsohn geb. Löwenstein (28.2.1835 - 21.7.1906)
594) Aron Guckenheim, gest 1907
608) Dienchen Schott geb. Schott (8.10.1854 - 27.9.1908)
619) Marx Hirsch, gest.1910
634) Ester Gottschall geb. Löwenstein (7.11.1828 - 8.7.1911)
643) Baruch Marxsohn (15.10.1831-10.3.1912)
647) Amalie Simon geb. Saemann (24.1.1843 - 9.6.1912)
662) Amalie Schallmann (15.9.1857 - 29.9.1913)
674) Elias Guthmann (10.2.1839 - 26.11.1914)
675) Klara Hirsch geb. Hirsch (11.4.1884 - 22.11.1914)
676) Lazarus Maier
678) Sara Guthmann geb. Baum (8.1.1840 -11.3.1915)
691) Jeanette Marxsohn geb. Adler (22.6.1837 Rüsselsh. - 27.1.1916 Groß-Gerau)
711) Wolf Kahn (13.6.1881-21.7.1918)
720) Fanny Sommerfeld geb ...tenberg, gest. 8.12.1918
731) Lehmann Guthmann (7.7.1836-1.11.1919) und Babette Guthmann (1.1.1843 - 11.3.1926)
773) Emilie Marx geb. Kramer (21.12.1881-10.8.1924). In Erinnerung an Emil Marx geb. 5.1.1873, gest.1942 in Auschwitz; Hedwig Marx geb. 21.8.1909; gest. 1942 in Auschwitz
775) Isaak Hirsch (11.3.1852 -14.9.1924)
787) Erna Koch geb. Guckenheimer
794) Ludwig Oppenheimer (21.1.1872 -16.2.1927)
795) Rosa Dahlerbruch geb. Morgenstern (20.12.1872 -19.5.1927)
805) Isaak Guthmann (10.7.1859 - 28.11.1928) und Settchen Guthmann geb. Flörsheimer (12.10.1865 -14.7.1932)
811) Hermann Mattes (18.3.1882 -28.4.1929)
816) Albert Marxsohn (9.2.1864 - 23.12.1929)
817) Klara Mattes geb. Freimark (11.2.1885 - 26.1.1930)
822) Auguste Marx geb. Hirsch (29.3.1870 3.3.1930)
824) Jeanette Guckenheimer geb. Kassel (9.7.1847 - 30.1.1931)
830) Bernhard Hirsch (26.1.1895 - 25.11.1931)
841) Max Sulzbacher (19.9.1890 -14.6.1933)
843) Stefanie Hirsch geb. Bloch (16.1.1849 -18.12.1933)
852) Henriette Gottschall geb. Löwenstein (3.11.1865 -18.4.1935)
865) Hannchen Wolf geb. Marx (10.5.1849 - 28.1.1937)

o. Nr. Ludwig Goldberger (1.8.1919-2.1.1996)

636) Simon Guckenheimer (10.1.1832 - 5.9.1911)
640) ... Hirsch geb. Hirsch (25.2.1841-15.11.1911)

Kinder und Einzelgräber
64) Hermann Hirsch
77) Jenni Sommerfeld
100) Moritz Guthmann, gest.1903
112) Siegfried Hirsch, gest.1920
118) Johanna Sommerfeld, gest.15.8.1918
131) Paul Hirsch, gest.16.1.1915
152) Betty Hirsch, gest. 23.1.1926
153) Wilhelm Hirsch, gest.17.5.1925

Jüdische Gefallene im Ersten Weltkrieg
Adolf Guthmann 1893 -1914
Paul Marxsohn 1895 -1916
Fritz Marx 1892 -1918
Sigmund Schott 1894 -1915
Moritz Mayer 1884-1914 [nicht in der Liste Schleindl]

Diese Gräber aus der obigen Liste konnten z.T. diesen Häusern bzw. Familien zugeordnet werden:

Elias Guthmann und seine Frau Sara;
Verwandtschaft Guthmann,
Frankfurter Str. 23
Am Burggraben 4

   

Rosa Dahlerbruch; Dornheim

 

 

 

Löwenstein = Verwandtschaft zum Hause Schott;
Helwigstraße 10

   

Sefanie Hirsch und Bernhatd Hirsch werden bei den Erbangelegenheiten der Likör- und Essigfabrik in der Frankfurter Straße 36 erwähnt.

 

Gottschalk Hirsch, Walther-Rathenau-Straße 7

   
Betty Hirsch, Büttelborn Siegfried Hirsch, ? Paul Hirsch, ?
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