Frankfurter Straße 23 (früher 25)

Hier wohnte Alter im
Jahr 1933
Schicksal Bemerkungen
Marx Guthmann
geb. 4.1.1877
56 1938 nach Frankfurt/M;
1942 deportiert nach Majdanek oder Sobibor und ermordet
Kaufmann und Kaufhausbesitzer
Frieda Guthmann
geb. Gerson
geb. 17.12.1887
46 1938 nach Frankfurt/M;
1942 deportiert nach Majdanek oder Sobibor und ermordet

Ehefrau von Marx;

Heiratsurkunde von Marx und Frieda aus dem Jahr 1915 (externer Link)

Hilde Guthmann
geb. 27.1.1916
gest. 1979
17 1938 Flucht in die USA
Tochter von Marx und Frieda
Erich Guthmann
geb. 1919
gest. 1944
als amerik. Soldat
14 1938 Flucht in die USA
Sohn von Marx und Frieda
Irene Guthmann
geb. 4.12.1923
10 1938 nach Frankfurt/M;
1942 deportiert nach Majdanek oder Sobibor und ermordet
Tochter von Marx und Frieda
Sybilla (Billa) Gerson
geb. 31.8.1885
48 1938 nach Frankfurt/M;
1942 deportiert nach Lublin und ermordet
ledige Schwester von Frieda;
Gedenkblatt in Yad Vashem

Historische Fotogalerie Guthmann

Stammbaum der Familie Guthmann (grün markiert sind Personen aus obiger Tabelle)

Stolpersteinverlegung am 4.3.2017

Familie Guthmann im Stolperstein-Guide

Recherchen ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten:

Anzeigen aus dem Jahr 1927

Der Kaufmann Marx Guthmann ist bereits 1926 im örtlichen Adressbuch verzeichnet. Er betreibt sein Kaufhaus in der Frankfurter Straße 24, zuerst in Nr. 25. Er ist der Sohn von Elias und Sara Guthmann, geb. Baum und verheiratet mit Frieda Guthmann. Im Haushalt leben auch die beiden Töchter Irene und Hilde. Schon in Groß-Gerau wirken die Umzüge der Guthmanns wie ein stetiger Weg nach unten: Das Kaufhaus in der Frankfurter Straße 24 bzw. 25 muss aufgegeben werden, Guthmann wird in die Frankfurter Straße 51 eingewiesen, wo er lediglich ein Ladengeschäft mit Schaufenster betreiben kann. Schließlich zieht er in die Walburgastraße 1, in das Haus der früheren Weinhandlung Blatt ein, wo er bis zu seiner Abmeldung am 29. 12. 1938 lebt. Danach siedelt er zwangsweise über Mannheim nach Frankfurt. Seine letzte Adresse dort ist der Röderbergweg 19. Von dort aus wird er am 10. / 11. 6. 1942 nach Majdanek oder Sobibor deportiert. „Verschollen im Osten“, heißt es lapidar im Gedenkbuch des Bundesarchivs. Für tot erklärt wird er zum Tag des Kriegsendes, dem 8. 5. 1945. Der Suchdienst Arolsen bestätigt die Inhaftierungsbescheinigung unter der Nr. 92333 vom 9. 5. 1958, ohne dass ein konkreter Todesnachweis vorgelegt werden kann.

Frieda Guthmann, geb. Gerson, geb. 17. 12. 1887 in Kirchberg, ist die Tochter von Joseph und Magdalena Gerson. Sie teilt das Schicksal ihres Ehemanns Marx über Mannheim in den Röderbergweg 19 und die Deportation bis zum bitteren Ende. Ihr Todesdatum wird auf den 11. 6. 1942 festgesetzt.

Tochter Irene wird am 4. 12. 1923 in Groß-Gerau in das kommende Elend hineingeboren. Laut Recherchen des jüdischen Museums in Frankfurt scheitert die Flucht nach USA, so dass auch Irenes letzte Adresse der Röderbergweg 19 ist und ihre Deportation im Alter von 19 Jahren in den Osten. Ihr Tod wird wie der des Vaters auf den 8. 5. 1945 festgesetzt.

Die Verfechterin der Rückerstattungs- und Wiedergutmachungsverfahren für ihre ermordeten Eltern ist Hilde Kahn, geb. Guthmann, die älteste Tochter, geb. am 27. 1. 1916 in Groß-Gerau. Sie wanderte 1938 nach Chicago aus. In den zahlreichen Verfahren geht es u. a. darum, ob der wirtschaftliche Niedergang des Kaufhauses Guthmann schon vor 1933 durch die Weltwirtschaftskrise und Selbstverschuldung bedingt gewesen sei oder durch die nationalsozialistische Boykotthetze. Das Kaufhaus lag nämlich gegenüber der Bürgermeisterei und Polizei und konnte von dort beobachtet werden. Dies hatte bestimmt Einfluss auf die Wirksamkeit der Boykottparole vom 1. April 1933 „Kauft nicht bei Juden“.

Der Magistrat von Groß-Gerau bestätigt am 12. 2. 1965 sachdienlich, dass „der gute Geschäftshaushalt“ im November 1938 zu mehr als 50% zerstört wurde. Die Firma erlosch zum 1. 12. 1938. Das Geschäfts- und Wohnhaus wurde zunächst an die Volksbank Groß-Gerau für 25.000 RM verkauft, später weiter an das Ehepaar Wolf für 30.000 RM. Mit dieser Sachlage hat sich dann Tochter Hilde auseinanderzusetzen. Sie klagt 1964 in Berufung auf die inzwischen ergangene Rückerstattungsgesetzgebung von 1957 gegen das Deutsche Reich bzw. das Land Hessen. Sie legt dem Gericht Erbscheine nach Max und Frieda Guthmann vor, sie besorgt eidesstattliche Erklärungen Überlebender, sie greift auf Briefe ihrer Eltern von 1938-1939 zurück, aus jener Zeit im Röderbergweg 19 als man von Untervermietung lebte. Und sie erwirkt eine Entschädigung. Sie kämpft auch noch 1968 weiter und ficht eine Entscheidung der Entschädigungsbehörde über 1500 DM an, die für die Wiederbeschaffung der zerstörten Wohnungseinrichtung gewährt wurde.

Sie selbst setzt den Wert der Verluste mit 10700 DM an für Schaden an Eigentum und Vermögen: Speisezimmereinrichtung, Rosenthal Service, Kristallgläser, Blüthner-Klavier, hochwertigen Platin- und Brillant-Schmuck. Das Gericht weist die Anfechtungsklage ab und gibt ihr doch zum Teil statt: Ein Teil der Möbel sei schon vorher verkauft worden, das Mobiliar sei vom Hochzeitstag der Eltern 1915 an gerechnet mit zwanzig Jahren doch schon reichlich alt gewesen, das Porzellan und die Gläser seien sicher nicht mehr komplett erhalten gewesen. Für das Warenlager kann nur ein Schadensersatzbetrag von 500 DM anerkannt werden, da es „dem Erblasser infolge der Verfolgungssituation wirtschaftlich schon recht schlecht ging, so dass das Warenlager, das er unterhielt, nicht allzu groß gewesen sein kann.“ Und obwohl die Schmuckstücke, die in der Hausapotheke aufbewahrt wurden, bei der Zerstörung der Wohnung weggekommen sind und nicht zurückgegeben wurden, stehe dafür keine Erstattung zu, da „Entschädigung wegen Schadens an Eigentum und Vermögen nur insoweit gewährt“ wird, „als die zerstörten oder abhanden gekommenen Gegenstände im Eigentum des Verfolgten standen.“ Da sie aber Hildes Mutter gehörten, geht sie leer aus.

Die Entscheidung vom 21. 5. 1968 seitens des Landgerichts Wiesbaden ist ein Beispiel dafür, wie schwierig die Beweislage der im Dritten Reich Geschädigten vor Gericht war.

Hilde Kahn, geb. Guthmann, ist augenscheinlich die einzige, die ihr Leben retten konnte, indem sie auswanderte. Dieses Glück teilt sie mit Robert Gerson, der wie viele Gersons aus Kirchberg im Hunsrück stammte. Die meisten der Verwandten Friedas aus dem Hunsrück finden sich im Gedenkbuch des Bundesarchivs. So auch Sybilla oder Billa Gerson, die in der Zeit als Guthmanns schon in der Frankfurter Straße 51 bloß noch ihren Schaufensterladen unterhielten, ebenfalls dort wohnte. Sie wurde am 11./ 12. Juni 1942 in die Region Lublin deportiert und wird den Niedergang des gutbürgerlichen Haushalts bis hin zu Marx Guthmann als Hausierer noch erlebt haben.