Frankfurter Straße 35

Hier wohnte Alter im
Jahr 1933
Schicksal Bemerkungen
Aron Guckenheimer
geb. 1843
gest. 1907
- Grab auf dem jüd. Friedhof GG B2/4 Schuhhandel und Mützen seit 1877 in diesem Haus;
Bruder von Simon Guckenheimer?
Jeanette Guckenheimer geb. Kassel
geb. 1847
gest. 30.1.1931
- Grab auf dem jüd. Friedhof GG C2/11 Ehefrau von Aron
Mathilde Guckenheimer
seit 1907 verh. Schott
geb. 6.6.1877
56 im Dez. 1938 unfreiwillig nach Frankfurt/M verzogen; 15.9.1942 deportiert nach Theresienstadt; dort ermordet Tochter von Firmengründer Aron und Jeanette Guckenheimer
Markus Schott
geb. 26.11.1864 in Rüsselsheim
69 im Dez. 1938 unfreiwillig nach Frankfurt/M verzogen; 15.9.1942 deportiert nach Theresienstadt; dort ermordet; "Todesfallanzeige"

Ehemann von Mathilde; Heirat am 6.1.1907 Aron Guckenheimer war Trauzeuge;
danach geht die Firma Guckenheimer allmählich in die Firma Schott über;

Artikel in der "Israelit" 1934

Siegfried (Fred/Friedel) Schott
geb. 4.10.1907
gest. 13.6.1992
26 Flucht in die USA

Sohn von Markus und Mathilde; Heirat im August 1942 in den USA:

Johanna Guckenheimer
verh. Reis
geb. 16.10.1872
61

1934 unfreiwillig verzogen n. Frankfurt; 1942 Deportation n. Theresienstadt; ermordet 27.12.1942

Tochter von Firmengründer Aron und Jeanette Guckenheimer;
später verh. mit Hugo Reis (1869-1942 Theresienstadt)

Eine Tochter Lilian Reis verh. Meller, starb in Israel. Die Eltern von Hugo Reis sind Wolf Reis, verh. mit Karolinke (unbekannt). 1974 lässt Johannas Tochter Lilian C. Meller für ihre Eltern in Yad Vashem Gedenkblätter anlegen.

Markus Guckenheimer
geb. 16.2.1869
64

1934 von Wiesbaden unfreiwillig  nach Frankfurt verzogen; Emigration n. Frankreich; Deportation ab Drancy; 1943 Tod Auschwitz

Sohn von Firmengründer Aron und Jeanette Guckenheimer

Martha Guckenheimer
geb. 2.5.1890
43 ??
vielleicht hat sie auf der Flucht ein Schiffsunglück überlebt, wie in den Briefen „lieber Martin.com“ erwähnt wird.
Tochter von Firmengründer Aron und Jeanette Guckenheimer

Historische Fotogalerie

Recherchen ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten:

In Groß-Gerau existierten zwei von der Familie Guckenheimer gegründete Unternehmen; einmal das auf Aron Guckenheimer zurückgehende Geschäft „Manufakturen, Schuhe, Herren- und Knabenkleidung“ in der Frankfurter Straße 35 (HStAD G28 GG R 771 - 1866 -1935: Guggenheimer/ Schott) und zweitens der von Simon Guckenheimer begründete Handel mit Holz- und Baumaterialien in der Walter-Rathenau-Straße (HStAD G28 GG, R 68 – 1904-1938).

Das Geschäft in der Frankfurter Straße wurde verfolgungsbedingt aufgegeben, und den letzten Inhabern Markus Schott und Mathilde, geb. Guckenheimer erging es nach 1933 ähnlich wie Guthmann ein paar Häuser weiter. Die letzte Adresse in Groß-Gerau war die Mittelstraße 2. Der unfreiwillige Umzug nach Frankfurt geschah am 8. 12. 1938. Die Unterkünfte in Frankfurt wechselten von „Im Sachsenlager 18“, zu Hermannsraße 25, zu Spessartstraße 13, zuletzt – vor der Deportation - in den Sandweg 16.

Zurück zu den Anfängen! Die Firma „Guggenheimer“ ist in den 1860er Jahren gegründet worden. Der Kaufmann Aron Guggenheimer, geb. 9. 7. 1847, verstarb 1907, sein Grab auf dem Jüdischen Friedhof trägt (nach A. Schleindl) die Nr. B2/4.

Aron war verheiratet mit Joanette (Jeanette, Johanette) “Schanette“, geb. Kassel, ebenfalls ca. 1847. Sie starb am 30.1. 1931, ihr Grab auf dem Jüdischen Friedhof  Groß-Gerau ist auffindbar unter C2/11. (siehe auch die Ausführungen über die Guckenheimers in der Walter-Rathenau-Straße.)

Dass zwischen den Guckenheimers in der Walter-Rathenau-Straße und in der Frankfurter Straße 35 verwandtschaftliche Beziehungen bestanden, ist wie bei anderen Groß-Geerauer Familien mit gleichen Namen anzunehmen. Wenn Aron und Simon Brüder sein sollten, dann wären Mathilde und Adolf, beide 1877 geboren, Cousine und Cousin.

Wie das Schicksal Adolf Guckenheimers 1877-1941 und seine Frau Settchen Hochstädter (1880-1941) aus der Walter-Rathenau-Straße, so ereilte es auch Mathilde Guckenheimer aus der Frankfurter Straße und ihren Ehemann Makus Schott. Aus dieser Generation der 1933 über Fünzigjährigen kamen viele Groß-Gerauer Juden in der Shoa um.

Dass auch die Familien Schott in der Helwigstraße und in der Frankfurter Straße 35 über Markus Schott verschwägert und verwandt waren, legen die Adressbucheinträge von 1925/26 nahe.

Markus Schott und Mathilde, geb. Guckenheimer, hatten am 16. 1. 1907 in Groß-Gerau geheiratet. Wie wir im Aufgebotsregister Groß-Gerau lesen, waren Aron Guckenheimer, 64 Jahre alt und Abraham Schott, aus Hering, 53 Jahre alt, die Trauzeugen. Die Eltern von Markus waren Simon Schott IV. und seine Ehefrau Johannette, geb. Goldmann.

Nach der Heirat Mathilde Guckenheimers, geb. am 6. 6. 1877, in Gross-Gerau mit Markus Schott, geb. 26. 11. 1864 in Rüsselsheim, der am 15. 9. 1942 zusammen mit zahlreichen anderen Gross-Gerauer Juden ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurde und dort am 4. 12. 1942 zu Tode kam, geht nach 1907 die Firma Guckenheimer allmählich in die Firma Schott über.

Vor seiner Deportation ist Markus Schott am 3. 4. 1940 nach Gendarmerieakten mit drei Personen nach USA abgemeldet worden. Aber die beabsichtigte Flucht gelang nicht mehr. Dass Amerika das Fluchtziel war, ist auch deshalb wahrscheinlich, weil Markus Kontakt zu dem schon geflohenen Martin Marx in Chicago unterhielt (s. Briefe lieber Martin.com). Jedenfalls mussten Mathilde und Markus Schott schon Ende 1938 Gross-Gerau verlassen wie viele ihrer Leidensgenossen, die zwangsweise nach Frankfurt zogen.

Markus Schott wurde am 15.9. 1942 im Alter von 77 Jahren mit seiner 65-jährigen Ehefrau bei der neunten großen Deportation aus Frankfurt zusammen mit zahlreichen anderen Juden aus Gross-Gerau in das Durchgangs-und Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Dort starb er knapp drei Monate später. Mathilde kam dort nach sechs Wochen zu Tode.

Beider Sohn ist Siegfried/Fred/Friedel Schott, geb. 4. 10. 1907. Er überlebte durch seine Flucht in die USA und lebte bis zu seinem Tod am 13. 6. 1992 in Bridgeport Conn. USA. Lt. Akte im HHSTA Wiesbaden Nr. 25460/1079/13 ist „Fred“ der Antragsteller im Rückerstattungsverfahren und Wiedergutmachungsverfahren für seine Eltern Markus und Mathilde, das gut 10 Jahre in Anspruch nimmt. Er weist den Tod oder die Tötung seiner Eltern durch das Death Registry Theresienstadt für Markus mit der Nr. 55/13721 und für Mathilde mit der Nr. 46/11395 nach. Das Comité internationale de la Croix-Rouge meldete als Todesdatum für Markus Schott den 4. 12. 1942. Die Sterbeurkunden stellte das Sonderstandesamt Arolsen am 9. 12. 1953 aus.

Friedel erwirkte Bescheide wegen Freiheitsentzug, wegen Eigentums- und Vermögensschäden und wegen Berufsschaden. Vertreten wird er durch Rechtsanwalt Erich Cohn-Bendit, Frankfurt und die Geschichte seiner Familie wird aus den Akten rekonstruiert: Die Eltern betrieben in Groß-Gerau bis Ende 1938 ein Schuhgeschäft in der Frankfurter Straße 35, was der Magistrat in Groß-Gerau am 25. 11. 1957 bescheinigt. Ihre Abmeldung vom Heimatort erfolgte am 28. 4. 1937; die Plünderung während der Pogrome im November 1938 habe besonders die Frau, die damals in Mittelstraße 2 GG wohnte, betroffen: ihr Hausrat wurde demoliert und verbrannt.

Am 8. 12. 1938 zog man zuerst nach Frankfurt „Im Sachsenlager 18“ um. Zu dieser Zeit kehrte Friedel Schott als einer der letzten zusammen mit Ludwig Goldberger aus dem KZ Buchenwald zurück, wohin die jüngeren Gerauer Juden nach den Pogromtagen 1938 zwischenzeitlich verschleppt und wo sie bis Dezember 1938 inhaftiert wurden. Er wohnte kurzfristig in der Mittelstraße 2 wie seine Mutter in einem Haus der aus Worfelden stammenden Familie Kahn.

Friedel ist im Februar. 1939 „immer noch da“, - kurz bevor Groß-Gerau als „judenfrei“ proklamiert wird. Während die eigentlich zur Flucht entschlossenen Eltern Schott damit scheitern und den antisemitischen Verfolgungsmaßnahmen unterliegen wie den Meldepflichten, der Reichsfluchtsteuer und der Devisenkontrolle etc., richtet sich die Devisenakte an Mathilde Schott, zuletzt wohnhaft in Frankfurt, Spessartstraße 13, mit einer Sicherungsanordnung vom 3. 6. 1940, ebenso auch an Markus Schott bezüglich eines restlichen Reinvermögens von 4594 RM; die Wohnsitze in Frankfurt danach waren Hermannstr. 25 und Sandweg 16. Die häufigen Wohnungswechsel mögen die Getriebenheit der Verfolgten signalisieren. Die Verfügung vom 25. 10. 1942 bestätigt, dass die als „Ostevakuierung“ getarnte Deportation stattgefunden hat. Da waren die Opfer längst in Theresienstadt angekommen. Gemäß der Devisenakte im HHStA Wiesbaden 519/3 26397 vom 25. 10. 1942 wurde das „Vermögen von nach Osten evakuierten Juden zum 1. 2. 1940 zugunsten des deutschen Reiches eingezogen.“ Und so geschah es auch hier.

Lt. Bescheid vom 15. 9. 1958 erhält Friedel Schott als Alleinerbe 2100 DM wegen Freiheitsberaubung, in einem Vergleich vom 25. 11. 1959 mit dem Land Hessen 5000 DM wegen Eigentums- und Vermögensschäden zugesprochen. Ein Vergleich vom 20. 6. 1960 hält 5800 DM für Boykottschaden fest. Der Antragsteller hat das elterliche jährliche Durchschnittseinkommen aus dem Geschäftsbetrieb mit 8000 RM für die Zeit 1930-1932 angegeben. Seine Einstufung als zu Entschädigender folgt einer Quasi-Einstufung in den gehobenen Dienst.

In eigener Sache erfährt Friedel Schott, dass die Behörden keine Bedenken gegen seine Auswanderung erheben; er weist nach, dass er zum 30.1. 1940 kein Vermögen besitzt.

Am 18. 1. 1940 wird ein Antrag auf Genehmigung von Umzugsgut gestellt, da die Wohnung in Groß-Gerau 1938 demoliert worden sei; Umzugsgutverzeichnis vom 1. 3. 1940 und die Unbedenklichkeitsbescheinigung der Oberfinanzdirektion in Kassel Devisenstelle S Frankfurt liegen zum 7. 3. 1940 vor.

In der Judenkartei der GESTAPO teilt das Polizeipräsidium am 12.12. 1942 die Abmeldung und den Umzug mit.

Friedel original aus den Akten, Frankfurt 1.3. 1940:
„Bis zum Nov. 1938 war ich Lohnempfänger und da ich in der elterlichen Wohnung wohnte und da Verpflegung erhielt, konnte [ich] aus meinem kleinen Einkommen noch etwas dazu sparen.“

Der Status als Verfolgter wird zunächst am 1. 2. 1951 nicht anerkannt, da am 1. 1. 1947 im Ausland lebend, auch nicht als DP (Displaced Person). Friedel Schott war am 16. 2. 1940 über Genua in die USA aus gewandert Er hatte in Groß-Gerau das Realgymnasium besucht bis Untersekunda, absolvierte dann eine Lehre in Frankfurt , wohnte in Groß-Gerau Mittelstraße 2, das Reseigentum wurde am 9./10. 11. 1938 geplündert.

In einer eidesstattlichen Erklärung vom 21. 6. 1957 über Verluste (Zwangsverschleppung des „Aktionsjuden“ ins KZ Buchenwald 11.11.1938-25.12.1938, Gefängnisaufenthalt 1. 10. – 16. 10. 1939, Verluste im Zusammenhang der Auswanderung) heißt es: Als Familie Schott das Haus verkaufte, mietete sie sich in der Mittelstraße 2 ein. Dafür werden Friedel Schott 150 DM Haftentschädigung zugesprochen.

Am 26. 11. 1959 findet ein Vergleich zw. Fred Schott und dem Regierungspräsidium Wiesbaden statt, sich auf 1000 DM Pauschalentschädigung für Schäden in der Mittelstraße 2 belaufend.

Der Antragsteller sei in eine vergleichbare Beamtengruppe einzustufen. Der Entschädigungszeitraum wird auf den 1. 1. 1935 bis 31. 12. 1942 festgesetzt: Daraus resultieren 4090 DM Kapitalentschädigung. Am 2. 3. 1961 wird eine Entschädigung für Vermögensschäden und Auswanderungskosten von 1181, 60 DM zuerkannt. Am 30. 10. 1961 wird der Antrag von Schaden an Körper und Gesundheit zurückgenommen. Am 23. 11. 1966 erhält Schott einen zusätzlichen Entschädigungsbetrag von 826 DM nach Vergleichseinstufung als „mittlerer Beamter“. Eine Verlängerung des Entschädigungszeitraums über 1942 hinaus wird abgelehnt. Am 1. 6. 1967 wird eine weitere Entschädigung von 614 DM zuerkannt; die Gesamtsumme belaufe sich danach auf 4916 DM.

Siegfried zeigt seine Verlobung mit Ilse Levi aus Kaiserslautern im Aufbau am 10. 4. 1942 an, seine Hochzeit findet am 16. 8. 1942 statt: Nach der erfolgreichen Flucht beider in die USA jetzt in Bridgeport. Offen bleibt, warum Siegfried die Flucht gelungen ist und seinen Eltern nicht.

 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. März 1934:

"Groß-Gerau, 15. Februar (1934) (Anfang des Artikels verkürzt wiedergegeben): "Am Rausch-Chaudesch Adar (vorabend 1. Adar = 15. Februar 1934) fand abends die Generalversammlung der hiesigen Mitglieder der Chewro-Kadischo und gleichzeitig die Einweihungs-Feier der neu hergerichteten Gemeindestube statt. Der erste Gemeindevorsitzende, Herr Julius Kahn, übergab nach einleitenden Worten das Gemeindezimmer seiner Bestimmung. Hierauf ergriff der erste Vorsitzende der Chewro, Herr Markus Schott das Wort und dankte allen Mitgliedern, die dazu beigetragen haben, dass dieses Zimmer hergerichtet werden konnte. In großangelegtem Aufbau hielt unser Kantor und Lehrer, Carl Hartogsohn, die Einweihungsrede und wies darauf hin, dass der neu hergerichtete Raum nunmehr der Jugend Gelegenheit geben werde, sich ganz besonders in echt jüdischem Sinne zu betätigen, vor allem das jüdische Wissen zu verbreiten und zu vermehren. Die in allen Teilen harmonisch verlaufene Feier hielt die Mitglieder noch bis zur Mitternachtsstunde zusammen".

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