Walburgastraße 1

Walburgastraße 1 / Ecke Frankfurter Straße

Hier wohnte Alter im
Jahr 1933
Schicksal Bemerkungen
Siegfried Blatt
geb. 19.4.1875
58 deportiert 1942 nach Treblinka und ermordet Kaufmann / Weinhändler
verheiratet mit Rosalie; im Feb. 1934 wegen der Boykottfolgen nach Tuttlingen verzogen, von dort deportiert
Rosalie Blatt
geb. Hirsch
geb. 16.6.1882
51 deportiert 1942 nach Treblinka und ermordet

seit 1905 Ehefrau von Siegfried;
Tochter des im Nachbarhaus wohnenden Samuel Hirsch
im Feb. 1934 wegen der Boykottfolgen nach Tuttlingen verzogen, von dort deportiert

Paul Blatt
geb. 28.8.1906
27 Flucht nach Frankreich Sohn von Siegfried und Rosalie;
im Feb. 1934 wegen der Boykottfolgen nach Tuttlingen verzogen, von dort nach Frankreich geflohen
Else Blatt
geb. 1907
26 deportiert 1941 nach Riga und ermordet Tochter von Siegfried und Rosalie;
seit 1930 in Tuttlingen verheiratet mit Isidor Kälbermann
Oskar (Otto) Hirsch
geb. 2.6.1884
49 verstorben 15.6.1938 Kaufmann
Bruder von Rosalie
verh. mit Recha
Recha Hirsch
geb. Dahlerbruch
geb. 6.8.1899
34

deportiert 1941 nach Minsk;
ermordet 7.5.1942

Ehefrau von Otto;

Tochter von Heinrich Dahlerbruch

Historische Fotogalerie

Recherchen ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten:

Anzeige aus dem Jahr 1927

Aus den Devisen-, Rückerstattungs-, Wiedergutmachungsakten und den Grundbucheintragungen lassen sich im Erbgang folgende Verwandtschaftsbeziehungen der Familie Blatt rekonstruieren:

Julie Hirsch, geb. Krieger, ist verheiratet mit Samuel Hirsch (gest. 2. 1. 1923). Sie haben drei Kinder: Berthold, Rosalie und Oskar David, genannt Otto. Tochter Rosalie aus Wallerstädten heiratet den Groß-Gerauer Weinhändler Siegfried Blatt. Aus dieser Ehe geht Sohn Paul hervor. Otto heiratet Recha Dahlerbruch, und sie bekommen einen Sohn namens Günther.

Otto stirbt 1938, Recha wird am 11. 11. 1941 mit der 2. großen Deportation von Frankfurt/M ins Ghetto Minsk verschleppt. Offiziell hieß das damals „Ostevakuierung“. Ihr Vermögen wurde im gleichen Jahr eingezogen. Als letzte Adresse von Recha ist die Frankfurter Fischerfeldstraße 8/1 bekannt. Sohn Günther kam zusammen mit seiner Mutter um.

Siegfried Blatt wird 1875 im rheinhessischen Jugenheim geboren und betreibt in Groß-Gerau bis 1935 in der Walburgastraße 1, Ecke Frankfurter Straße (früher auch Frankfurter Straße 58), eine Wein- und Spirituosenhandlung. Er ist verheiratet mit Rosalie Blatt, geb. Hirsch. Ihr gemeinsamer Sohn Paul kommt 1906 in Mainz zur Welt. Ehepaar Blatt lebt bis zum 2. 2. 1934 in Groß-Gerau. Schon im Jahre 1933 während der ersten Boykotte gegen Juden wird ihre Weinhandlung geplündert. Beide ziehen nach Tuttlingen in die Hermannstraße 23, wo sie vom 15. 4. 1937 bis 10. 6. 1942 leben. Weder Siegfried noch Rosalie dürften für möglich gehalten haben, was ihnen bevorsteht.

Siegfried Blatt wird nach der Pogromnacht 1938 acht Tage lang inhaftiert und später am 23. 8. 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Am 10. 10. 1942 wird er in Treblinka oder Minsk ermordet. Am 23. 2. 1947 wird er für tot erklärt. Genauso ergeht es seiner Frau, die vom Sammellager in Stuttgart im August 1942 nach Theresienstadt und von dort nach Treblinka verschleppt wird, im selben Jahr ist sie in Minsk verschollen und wird am 15.9. 1946 für tot erklärt. Beide überlebten den Transport XIII, 1 vom 23. 8. 1942 von Stuttgart nach Theresienstadt - Treblinka (29.9. 1942) nicht, der schließlich in Minsk endete.

Paul Blatt, Sohn und Alleinerbe von Paul und Rosalie Blatt, ergeht es so: Er lebt vom 16. 3. 1914 bis 2. 2. 1934 im Haushalt seiner Eltern in der Walburgastraße. 1 und ist von 1926 bis 1934 in der elterlichen Weingroßhandlung in Groß-Gerau tätig, die vierzehn Mitarbeiter beschäftigt. Das Jahreseinkommen beträgt 1930 20.000 RM bis 25.000 RM, für Paul Blatt fallen monatlich 800 RM ab. Vom 1. 2. 1934 bis 1. 6. 1934 wohnt er in Tuttlingen, Hermannstraße 23, von wo er 1936 mit 30 Jahren nach St. Etienne, Frankreich, auswandert. In Frankreich wird er nach dem Kriegsausbruch bis 1943 interniert, aber es gelingt ihm die Flucht aus dem Internierungslager in die Illegalität. Von 1944 bis 1945 schlägt er sich als landwirtschaftlicher Arbeiter und, da gesundheitlich geschädigt, als Invalide durch. 1946 bis 1948 ist er arbeitslos, danach Handelsvertreter. Seine letzte Adresse lautet: Perpignan, Pyrénés Orientales, 34 Rue Émile Zola. Nach Groß-Gerau kehrt er lediglich für die Zeit vom 16. 1. 1951- 23. 9. 1952 zurück und wohnt, um sein rückerstattetes Elternhaus an eine Rechtsanwaltsfamilie aus Rüsselsheim zu verkaufen, in der Darmstädter Straße 30, wo auch seine Bevollmächtigte, Frau Raaz, arbeitet.

Wie wir durch Frau Gunda Woll (Museum und Archiv Tuttlingen) erfahren, hatte Paul Blatt eine jüngere Schwester Else, die am 11. August 1907 in Mainz geboren wurde, sie heiratete Isidor Kälbermann aus Großeicholzheim 1930 und zog nach Tuttlingen, wo Isidor zusammen mit seinem Bruder Ludwig 1922 in der Hermannstraße 23 eine Schuhfabrik übernahmen und einen Handel für Leder und Schuhwaren gründete. 1926 trennten sich die Brüder und betrieben einen Großhandel für Leder und Schuhwaren, jeder für sich.

Die Tochter von Siegfried und Rosalie wird als auffallend gut aussehende Frau geschildert. 1932 gebar Else die mit Isidor gemeinsame Tochter Edith. Die Boykottmaßnahmen nach der Machtergreifung der Nazis im April 1933, die den Verfolgungsdruck in Groß-Gerau so erhöhten, dass die Weinhandlung und das Spirituosengeschäft der Blatts geplündert und zerstört wurden, bewirkten, dass Siegfried, Rosalie und ihr Sohn Paul zu Isidor und Else nach Tuttlingen in die Hermannstraße 23 zogen. Von dort floh Paul 1934 nach Frankreich, wo er interniert wurde.

Während Ludwig Kälbermann 1938 sein Geschäft liquidierte und mit seiner Familie rechtzeitig in die U.S.A. floh, habe Isidor sich für die Übersiedlung nach Palästina interessiert; er setzte jedoch die Absicht nicht in die Tat um und so gehörte er nicht zu den Rexinger und Tuttlinger deutschen-jüdischen Auswanderern, die in Palästina ihr „Shavei Zion = Heimkehr nach Zion“ gründeten. Sein Entschluss zu bleiben, bedeutete für seine Frau Else und Tochter Edith Deportation und Tod.

Isidor löste im Oktober 1938 sein Geschäft auf, er wird im Novemberpogrom in Schutzhaft genommen und im Dezember entlassen. Er meldet sich kurz vor Kriegsausbruch aus Tuttlingen ab, um in England oder den U.S.A. zu überleben.

Zwei Mal taucht er in Passagierlisten Richtung USA auf. Zum einen 1939 bei seiner Flucht, zum andern 1953 als er offensichtlich noch einmal zurückgekehrt war, um das Schicksal seiner Familie zu klären. Damals setzte er von Le Havre nach New York über. Als Wohnort wurde New Rochelle im Staate New York angegeben, das an Mount Vermont, wohin sein Bruder umsiedelte, grenzt“, lesen wir in der Recherche von Frau Woll.

Seine 1939 zurückgelassene Familie sowie die Schwiegereltern Siegfried und Rosalie sieht er nie wieder. Die Tochter Edith zieht, da ihr der Schulbesuch verweigert wurde, von Tuttlingen nach Stuttgart, wohin ihr schließlich auch ihre Mutter in die Wannenstraße 18 folgt. Else und Edith Kälbermann werden am 1. Dezember 1941 vom Stuttgarter Nordbahnhof aus via Riga deportiert, zunächst in das Lager Jungfernhof und schließlich in den Wäldern bei Riga erschossen.

Das Gedenkbuch des Bundesarchivs verzeichnet:

Kälbermann, Else; geborene Blatt
geboren am 11. August 1907 in Mainz / - / Hessen
wohnhaft in Tuttlingen und Stuttgart
Deportation: ab Stuttgart
1. Dezember 1941, Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga

Kälbermann, Edith,
geboren am 07. März 1932 in Tuttlingen / - / Württemberg
wohnhaft in Stuttgart
Deportation: ab Stuttgart
1. Dezember 1941, Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga
Schicksal: für tot erklärt

Siegfried und Rosalie Blatt, noch bis August 1942 in der Hermannstraße 23, werden über das Sammellager in Stuttgart mit dem Transport XIII, 1 ab Hauptbahnhof verschleppt, treffen am 23. August 1942 im KZ Theresienstadt und von dort im KZ Treblinka ein. Am 10. Oktober 1942 wird er in Treblinka oder Minsk ermordet. Das gleiche Schicksal widerfährt seiner Frau.

Aus dem Gedenkbuch:

Siegried Blatt
geboren am 19. April 1875 in Jugenheim / - / Hessen
wohnhaft in Groß-Gerau, Tuttlingen und Baisingen
Deportation: ab Stuttgart
22. August 1942, Theresienstadt, Ghetto
29. September 1942, Treblinka, Vernichtungslager

Blatt, Rosalie, geborene Hirsch
geboren am 16. Juni 1882 in Wallerstädten / Groß-Gerau / Hessen
wohnhaft in Groß-Gerau und Tuttlingen
Deportation: ab Stuttgart
22. August 1942, Theresienstadt, Ghetto
29. September 1942, Treblinka, Vernichtungslager

Hinweise auf die Geschichte der Eltern Siegfried und Rosalie Blatt lassen sich auch rückwärts aus der Wiedergutmachungsgeschichte ihres Sohnes Paul Blatt rekonstruieren und berichten: Paul Blatt tritt als letzter Alleinerbe an. Es geht ihm vor allem um die Rückerstattung des im Grundbuch früher auf die Eheleute Blatt eingetragenen Anwesens in der Walburgastraße 1.

Im Rückerstattungsverfahren wird festgestellt, dass ein Verkaufszwang bestand, den die Kreisleitung der NSDAP ausübte und dass das Anwesen im Februar 1940 für die DAF (Deutsche Arbeitsfront) erworben wurde. Die Kaufsumme wurde auf ein beschränkt verfügbares Sicherungskonto in Tuttlingen überwiesen, 3600 RM unter dem Einheitswert, wie ein Zeuge eidesstattlich erklärte. Die Deutsche Arbeitsfront forderte am 9. 8. 1938 einen Grundbuchauszug für Walburgastraße 1 an. „Unser (= DAF) Interesse ergibt sich aus dem Grundstückskaufangebot vom 15. 9. 1939 (…) des Notars Peter Höfle in Groß-Gerau (…)“

Der Kaufvertrag vom 15. 8. 1939 weist aus, dass die Eheleute Blatt in Tuttlingen, Hermannstr. 23 wohnen, dass Recha Hirsch, die Witwe Ottos in Frankfurt/M., Fischerfeldstraße 8/1 wohnt und dass der Verkauf an die DAF über die Kreissparkasse Groß-Gerau für 18.000 RM getätigt wird.

Am 9. 8. 1939 hatten Rosalie und Siegfried Blatt, Tuttlingen, Hermannstr. 23, Handlungsvollmacht an Jakob Klenk, Immobilienhändler in Groß-Gerau erteilt. Auflassung für den Kaufvertrag, Genehmigung einer Teilabtretung über 18.000 RM aus der Sicherungsanordnung gemäß § 59 Devisengesetz vom 12. 12. 1938 erfolgen unmittelbar. Der Genehmigungsbescheid des Reichsstatthalters Hessen laut „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. 12. 1938“ wird erteilt.

Am 20. 4. 1946 erfolgt die Vermögenssperre für die Walburgastraße 1 durch das Amt für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung, Darmstadt, Rheinstraße 75, gegen die DAF. Am 6. 7. 1950 wird der Rückerstattungsanspruch für den Alleinerben Paul Blatt, Perpignan, festgestellt und ein Teilbeschluss an ihn abgeschickt: “Paul Blatt, Rue Emilie (sic!) Zola, Perpignan, Sued Frankreich“.

Fazit: Unter die lfd. Nr. 5 im Grundbuch ist Paul Blatt als Eigentümer einzutragen. Er hat seine Ansprüche am 28. 12. 1948 in Bad Nauheim angemeldet, er hat einen Anspruch auf Rückerstattung von im Grundbuch Bd. VI. Bl. 470 eingetragenem Eigentum. Er legte vor: einen Erbschein nach Oskar-David = Otto Hirsch, einen Erbschein nach Recha Hirsch, Witwe, geb. Dahlerbruch, das gemeinschaftliche Testament seiner Eltern sowie die Erklärungen auf den Tode der Eheleute Blatt vom 23. 2. 1947 bzw. 15. 9. 1946. Gegen seine eidesstattliche Erklärung, dass die Erblasser die Kaufsumme von 18.000 RM nie zur Verfügung erhielten, wird namens der DAF-Nachfolge die Rückzahlung der Kaufsumme nicht von ihm zurückverlangt. Am 17. 11. 1950 wird die Vermögenssperre auf das Grundstück teilweise aufgehoben. Da Blatt Einwohner Frankreichs ist, wird die property control über das Elternhaus zunächst in die blocking control umgewandelt, auszuüben durch die Landeszentralbank Hessen. Es bleibt, nachdem die Stadt Groß-Gerau auf ihr Vorkaufsrecht verzichtet hatte, lange kontrovers, ob die Weingroßhandlung Blatt schon 1933/1934 geplündert wurde oder nicht. Für den 1. Stock des Hauses, in dem Max Guthmann und Familie wohnten, wird das bejaht. Der SA Mann Jäger habe sich entsprechend betätigt, sei aber 1933/34 ausgeschlossen worden. Zugunsten Paul Blatts ergeht am 13. 10. 1950 ein Beschluss auf Rückerstattung mit einem Grundbuchwert über 21.600 DM.

Es bedurfte nachträglichen einer Bestätigung des damaligen Groß-Gerauer Bürgermeisters Bernhard Lüdecke, dass der Weinkeller der Firma Blatt, Walburgastraße 1, schon 1933 ausgeplündert worden war. Daraufhin gewährt der Regierungspräsident in Darmstadt eine Sofortbeihilfe. Auch der Vergleich zwischen Paul Blatt und dem Land Hessen für erlittene Schäden an Vermögen und beruflichem Fortkommen lautet ähnlich:. Wegen Plünderungsschaden wurde auf 7000 DM erkannt .In diesem Zusammenhang wurden Siegfried und Rosalie Blatt nochmals amtlich zum 10. 10. 1942 für tot erklärt. Aus den Wiedergutmachungsakten geht hervor, dass Siegfried Blatt am 11. 6. 1942 in Tuttlingen verhaftet und deportiert wurde. Wie alle Juden hatte er eine „Judenvermögensabgabe“ zu leisten, die im Wiedergutmachungsverfahren nicht anerkannt wurde. Aus Entschädigungsleistungen kann Paul Blatt schließlich eine Rente erstreiten, während sich die Konflikte um nicht ausgezahlte Lebensversicherungen bis in die 70er Jahre hinziehen.