Schützenstraße 10
(Die Zuordnung der Häuser ist in der Schützenstraße wegen Hausnummerverschiebungen äußerst schwierig und nicht eindeutig!)
Das Haus mit der Nr. 10 wurde abgerissen und befand sich auf dem heutigen Parkplatz.

Hier wohnte Alter im
Jahr 1933
Schicksal Bemerkungen
Emil Strauß
geb. 20.2.1856
- gest. 1926 Pferdehändler;
Grab auf dem jüd. Friedhof
Adelheid Strauß
geb. Fried
geb. 2.10.1837
- gest. 8.2.1916

Ehefrau von Emil;
Grab auf dem jüd. Friedhof

Julius Strauß
geb. 2.9.1891
42 Flucht Sohn von Emil und Adelheid;
besuchte im Mai 1963 Groß-Gerau und das Grab seiner Eltern
Paula Strauß
geb. 29.11.1885 Trebur
gest. 1953 Chicago
48 Flucht 1940 nach San Francisco Tochter von Emil und Adelheid;
verheiratet mit Alfred Mattes
Stolpersteinverlegung in der August-Bebel-Str. 16 am 5.2.2015
Emma Strauß ??? ??? Tochter von Emil und Adelheid
Bella Loewi, geb.Strauß
geb. 12.12.1896
37 1939 Flucht in die USA Tochter von Emil und Adelheid;
Julius Loewi (Levi?)
geb. 19.3.1894
gest. 25.3.1962
39 5.7.1937 Flucht in die USA Metzger und Viehhändler; Ehemann von Bella
Alice Loewi   1939 Flucht in die USA Tochter von Bella und Julius
Ella Loewi
geb. Strauß
geb. 21.10.1889
44 ??? identisch mit Bella?

Adelheid und Emil Strauß. Foto aus dem Privatbesitz von Joan Zelkowicz

Recherchen ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten:

Anzeige im Kreisblatt 1907; Digit. Fotoarchiv Stadtmuseum GG

Der Überlebende Julius Strauss hat eine Adresse in Richmond 21, Virginia, 3280 W Crace Street, USA und beantragt 1947 ff. Rückerstattung nach der alliierten bzw. deutschen Gesetzgebung.

Seine Geschichte beginnt für uns mit der Heirat von Emil Strauß und Adelheid, geb. Fried, die 1853 in Trebur heiraten. Am 12. 4. 1906 erwerben sie die Hofreite und zwei Grabgärten in der Schützenstraße 10; Adelheid stirbt am 8. 2. 1916, nicht ohne ihren Ehemann Emil in Vermögensfragen bevollmächtigt zu haben. Und so wie Emil Strauß die verstorbene Ehefrau Adelheid beerbt, so wird er am 30. 10. 1926 von den Kindern Paula Mattes, geb. Strauss, der Ehefrau von Alfred Mattes zu Groß-Gerau, von Emma Mayer, geb. Strauß, der Ehefrau von Leopold Mayer zu Darmstadt, Frankfurter Straße 16, von Bella Levi, geb. Strauss, Ehefrau von Julius Levi, Groß-Gerau und von Julius Strauss, also von vier volljährigen Nachkommen beerbt.

Genauer: Nach dem Überschreibungsantrag vom 11. 4. 1927 hat Adelheid, die am 8. 2. 1916 in einer Gießener Klinik verstarb, in ihrem Testament vom 17. 11. 1910 Emil als Vor- und die Kinder als Nacherben eingesetzt. Emil scheint Anfang der dreißiger Jahre in finanziellen Schwierigkeiten zu stecken. Es existiert da ein Hinweis auf die Anordnung einer Zwangsversteigerung, und in der Tat treten Emil Strauss und sein Sohn Julius, beide Kaufmänner und Pferdehändler in Groß-Gerau am 14. 1. 1933 als Verkäufer und Käufer auf. Emil verkauft an Julius die Hofreite mit den Grabgärten zum Preis von 30.497 GM; die Zahlung erfolgt außer an Banken an Else Mayer, die 19-jährige Tochter von Leopold Meyer in Darmstadt (Meyer schreibt sich in der Tat einmal mit -ey-, einmal mit -ay-) und an Alice Loewi, die Tochter von Julius Loewi in Groß-Gerau. Sie ist damals zehn Jahre alt. Ausgezahlt werden soll der Kaufpreis am Tag der Verheiratung der Enkeltöchter oder mit deren vollendetem 30. Lebensjahr. Anlässlich der Löschungsbewilligung einer Hypothek stimmen am 4. 2. 1933 in Mainz dann alle Nacherben von Adelheid, geb. Fried, nämlich Paula, geb. Strauss, verheiratet mit Alfred Mattes, Emma, geb. Strauss, verheiratet mit Leopold Meyer, Darmstadt, Bella Strauss, Ehefrau von Julius Loewi und Julius Strauss zu. Am 13. 3. 1936 belastet Julius die Immobilie mit einem Grundschuldbrief für die Israelitische Gemeinde Frankfurt über 7000 Goldmark.

Jetzt, vor allem, als es um Löschung der Grundschuld geht, beginnt eine umfangreiche Seiten füllende juristische Auseinandersetzung darüber, in welcher Eigenschaft und als welche Körperschaft (des öffentlichen Rechts) überhaupt die Israelitische Gemeinde Frankfurt in dieser Vermögensangelegenheit als Gläubigerin geschäftsfähig ist. Schließlich muss das Amtsgericht Groß-Gerau und sein Grundbuchamt die Bedenken gegen die Eintragungen im Grundbuch, die die Israelitische Gemeinde in Frankfurt betreffen, zurücknehmen: die Vorstände der Synagogengemeinden seien als öffentliche Behörden anzusehen und als solche geschäftsfähig. Julius Strauss war augenscheinlich schon immer dieser Auffassung. Der Streit scheint insofern von exemplarischer Bedeutung, da israelitische Gemeinden bisweilen ihren Angehörigen in Immobiliengeschäften unter die Arme gegriffen haben, und deshalb ist die Entscheidung über deren Geschäftsfähigkeit gegenüber einem zweifelnden Amtsgericht im Jahre 1937 von grundsätzlicher Bedeutung. Die Satzung des Israelitischen Gemeindeverbandes Frankfurt liegt den Akten bei.

Das alles ändert nichts daran, dass Julius Strauß, Pferdehändler in der Schützenstraße 10 am 14. 9. 1937 verkaufen muss: An Karl Busch in Griesheim und dessen Ehefrau Katharine, geb. Zimmer (Bd. XVII, Bl. 1274). Die Schützenstraße wechselt für 17.000 RM den Besitzer. Der notarielle Vertrag stellt fest: Das verkaufte Haus steht unter Denkmalschutz.

Der Rechtsbeistand von Julius Strauss, Richmond, VA wird 1947 ff. aktiv, und es ist wiederum das Amt für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung, das die Rückerstattung am 3. 11. 1948 beantragt, Vermögenssperre auf das Eigentum des Ehepaar Busch legt. Nach Einsicht ins Grundbuch und Vergleich wird das Rückerstattungsverfahren abgeschlossen: Der Vergleich vom 30.11. 1950 beinhaltet, dass Karl Busch und Ehefrau Katharina, Schützenstraße 10 in Groß-Gerau, 7000 DM plus 6% Zinsen ab dem 21. 6. 1948 an Julius Strauss, Richmond für Grab-Grasgarten und Hofreite von 536qm, 765 qm, 762 qm zahlen, aber Eigentümer bleiben. Die Vermögenssperre wird aufgehoben. Auf Antrag der Eheleute Busch werden die Flurstücke 279 und 280 zur neuen Schützenstraße 10 nach der Flurstücksvereinigung „in der Hintergass“ vom 31. 5. 1955 zusammengelegt.

Wie erging es den Bewohnern der Schützenstraße 10?

In der Schützenstraße 10, Pferdehandlung, ist lediglich Emil Strauss als Ehemann von Adelheid nachweisbar gewesen. Über deren Schicksal ist bisher nichts bekannt. Der Sohn Julius ist nach dem Umzug in die Bockenheimer Landstraße 91, Frankfurt, am 4. 10. 1937 nach Richmond, USA ausgewandert. Was ist mit den Töchtern Paula Mattes, geb. Strauss, der Ehefrau von Alfred Mattes zu Groß-Gerau, von Emma Mayer, geb. Strauß, der Ehefrau von Leopold Mayer zu Darmstadt, Frankfurter Straße 16, was von Bella Levi, geb. Strauss, Ehefrau von Julius Levi, Groß-Gerau, was mit den Enkeln: Else Mayer, der 19-jährigen Tochter von Leopold Meyer in Darmstadt und Alice Loewi, der Tochter von Julius Loewi in Groß-Gerau geschehen?

Bella = Sybilla Loewi, geb. am 12. 12. 1896 in der Schützenstraße 10, Groß-Gerau, Tochter von Emil und Adelheid Strauss ist verheiratet mit Julius Loewi, Metzger und Viehhändler, der auch bei August Hirsch, dem Schwiegervater von Julius Strauss arbeitet. Deshalb wohl auch „Arbeiter“. Julius Loewi ist am 19. 3. 1893 in Adelsdorf geboren, ihm gelingt am 5. 7. 1937 die Auswanderung nach USA; 1939 kommen Frau Bella und die Tochter Alice Loewi nach. Julius Loewi stirbt am 25. 3. 1962 im Exil. Frau Alice Loewi betreibt die Entschädigungs- und Rückerstattungsansprüche ihrer Eltern weiter. Die Suchmaschine der Hessischen Staatsarchive HADIS führt uns zu einer Klage von Bella Schenk, geb. Strauss, gegen das Land Hessen in der Zeit von 1959 – 1962, in der Bella, geb. Strauss, gegen eine zu niedrige Entschädigung bezüglich des Goodwill-Schadens am elterlichen Unternehmen - erfolglos - klagt.

In der Quelldatei ist noch eine Ella Levi, die genauso gut Bella sein könnte, geb. 21. 10. 1889 in Trebur, Schützenstr. 10, die am selben Tag wie Julius Strauss, nämlich am 4. 10. 1937 nach FfM Beethovenstr. 14 zieht. Außerdem eine Emma Mayer, auch Meyer, geb. am 6. 9. 1873 in Trebur, wohnhaft Frankfurter Str. 60.

Das Doppel-Grab von Emil und Adelheid Strauss:

nach oben