Helwigstraße 11 / Ecke Friedrich-Ebert-Anlage.
Ansicht unten von 1954:

Hier wohnte Alter im
Jahr 1933
Schicksal Bemerkungen
Hermann Hirsch Flörsheimer,
geb. 3.4.1872
61 Flucht 1938 nach Frankreich; gest. 30.4.1958 in Heidelberg Viehhändler aus Dornheim
Minna Flörsheimer,
geb. 4.12.1875
58 Flucht 1938 nach Frankreich Ehefrau von Hermann;
Goldene Hochzeit 1948 in Frankreich:
Klara Flörsheimer   Flucht Tochter von Hermann und Minna;
verh. Strauß; Heirat 1949 in den USA:
Julius Flörsheimer   Flucht Sohn von Hermann und Minna

Recherchen ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten:

Zwar konnten Akten mit direktem Bezug auf das Anwesen in der Helwigstraße 11, das Hermann und Minna Flörsheimer 1936 bewohnten, nicht recherchiert werden, jedoch gibt es viele Informationen über die Familie Flörsheimer und deren Verwandtschaftsbeziehungen mit anderen Groß-Gerauer Familien.

In die Helwigstraße 11 ist Hermann Flörsheimer, herübergezogen aus Dornheim, als Viehhändler im Adressbuch von 1926 belegt. Er ist der Onkel und Erbe nach Jakob Flörsheimer, der zum 8. 5. 1945 für tot erklärt wurde und der Vater von Klara, verheiratete Strauss, und von Julius.

Hermann ist am 13. 4. 1872 in Dornheim geboren, der israelitische Friedhofsverband datiert seine Geburt auf den 8. 4. 1872, und er starb am 30. 4. 1958 in Heidelberg. Hermann war mit Minna verheiratet, die am 4. 12. 1875 geboren ist und in der Helwigstraße 11 lebte. Von beiden existiert ein Foto bei Schleindl, Verschwundene Nachbarn, S. 125. Überlebende Groß-Gerauer, die in die USA emigrierten, erkundigen sich danach, wie es denn den Flörsheimers nach 1938 ergangen sei.

Anzeige aus dem Kreisblatt 1927

Wer hat wo überlebt und wer nicht?

Hermann ist am 28. 3. 1938 nach Frankreich emigriert.

„Betreffend: Judenkarte An den Gendarmeriebezirk Groß-Gerau. Es wurde vom Unterzeichneten festgestellt, dass der Jude Hermann Flörsheimer in Groß-Gerau am 2. November 1936 ohne das (sic!) dieser sich mit seiner Ehefrau polizeilich abmeldete, nach Süd Frankreich (sic!) zu seinem Sohne abgereist ist. Sein (sic!) Hausrat hat er zusammengestellt und die Wohnung im unteren Stock mit Küche und zwei Zimmern an einem (sic!) Ehepaar vermietet. Nach den Feststellungen soll Flörsheimer vom Kreisamt Groß-Gerau einen Paß mit einem dreiviertel jährigen Visum erhalten haben. (unterzeichnet) Möbus, Gendarmerie Hauptwachmeister.“

Er ist nicht nur der überlebende Erbe nach den in der Shoa umgekommenen Flörsheimers, sondern auch der Vater und Alleinerbe nach Julius Hirsch, Darmstadt. Ist er doch der Bruder von Auguste Flörsheimer, die mit Abraham Hirsch verheiratet war, ebenso Erbe nach Settchen Flörsheimer, die mit Salomon Siegel I aus Hergeshausen. verheiratet war, für Julius Flörsheimer, der 1895 in Dornheim verstorben ist sowie für Josef Flörsheimer und Heinrich Flörsheimer.

Heinrich betrieb eine 1905 nachweisbare Tabakshandlung in Groß-Gerau und ist wahrscheinlich vor der Shoa verstorben. Joseph Flörsheimer, am 2. 2. 1892 in Dornheim geboren, wohnte vor 1939 in Frankfurt und wurde von dort am 11./12. 11. 1941 ins Ghetto Minsk deportiert. Sein Todesdatum fällt in den August 1944.

Julius Hirsch, geb. am 1. 8. 1882 in Groß-Gerau, wohnte vor 1939 in Frankfurt und ist von dort aus an einen unbekannten Ort im Osten deportiert worden. Er hat die Shoa nicht überlebt.

Auguste, geb. Flörsheimer, war verheiratet mit Abraham Hirsch. Auguste war die Schwester von Hermann Flörsheimer. Aus der Ehe mit Abraham gingen die Kinder Heinrich Hirsch, Isidor Hirsch und Herta Oppenheimer, geb. Hirsch in Goldbach hervor.

Settchen = Sara Flörsheimer scheint nicht primär mit diesem Zweig der Familie Flörsheimer verwandt zu sein. Sie war mit Isaak Guthmann verheiratet und seit 1928 verwitwet. Ihre Lebensdaten sind 12. 10. 1865 bis 14. 7. 1932. Ihr Grab liegt auf dem Jüdischen Friedhof Groß-Gerau (C 122b). Sie lebte im Haus Burggraben 4.

Dann ist da noch Frieda Kahn, geb. Flörsheimer 3. 2. 1891, zuletzt in der Leerbachstraße 112 in Frankfurt a. M., verh. mit Julius Kahn, gest. am 9. 5. 1949. Ihr gemeinsamer Sohn ist Karl Kahn. Die Eheleute Kahn retteten ihr Leben, indem sie nach USA auswanderten.

In den Wiedergutmachungsakten werden nicht nur die Eltern des Erblassers Julius Hirsch (Abraham und Auguste, geb. Flörsheimer mit ihren Kindern Heinrich Isidor und Herta Oppenheimer, geb. Hirsch) erwähnt, sondern auch die Geschwister des Abraham Hirsch, nämlich Johanna = Hannchen May, geb. Hirsch, David, Betty Bennheimer, geb. Hirsch und Daniel, der in die USA ausgewanderte. Auch die Namen der Geschwister der Mutter Auguste kennen wir: Julius Flörsheimer, gestorben 1895 in Dornheim, neben Settchen Kahn, geb. Flörsheimer, gest. 1914, verh. mit Jakob Kahn, Fanni Siegel, geb. Flörsheimer, verheiratet mit Salomon Siegel, Joseph Flörsheimer, gest. 14. 3. 1930 und Heinrich Flörsheimer.

Unklar wie die die Verwandtschaftsbeziehung von Settchen Flörsheimer, verheiratete Guthmann (s. o.), ist die von Gertrude Flörsheimer zum Rest der Familie. Gertrude, Flörsheimer, geb. Heitmann, am 21. 1. 1904 in Groß-Gerau, geboren, hier und in Wiesbaden wohnend, ist aus Wiesbaden am 10. 6. 1942 und am 11. 6. 1942 aus Frankfurt , vermutlich ins Vernichtungslager Sobibor oder Majdanek deportiert worden und „im Osten verschollen“.

Franziska Flörsheimer, geb. Mainzer, ist die Ehefrau des Onkels von Hermann. Über sie ergeht am 25. 10. 1963 ein Bescheid an die Erbes Erben nach dem Tod des Neffen Herrmann wegen der Judenvermögensabgabe in Höhe von 1150 DM und wegen der Sonderabgabe an die Jüdische Gemeinde in Frankfurt über 2367 DM. Franziska Flörsheimer, geb. Mainzer ist am 18. 2. 1879 in Zwingenberg geboren und wahrscheinlich am 17. 12. 1942 in Theresienstadt, Ghetto ums Leben gekommen. Vorher musste sie einen “Heimeinkaufsvertrag” abschließen, so als ob sie zukünftig in einem Altersheim untergebracht werde. Dafür zahlt die Bundesrepublik im Vergleich vom 12. 8. 1966 als Rechtsnachfolger des „Dritten Reiches“ an das Land Hessen zugunsten der Antragsgegner 1479,88 DM. Ihre letzte Adressen waren Frankfurt Neumannstraße 36, ab 1939 Friedberger Landstraße 30 und ab 1941 Gaustraße 14, wo sie zur Untermiete bei Moses gewohnt hat. .Die Oberfinanzdirektion bietet in einem lang anhaltenden Verfahren als Teilvergleich, der 1963 von den Erbeserben angenommen wird, 3500 DM an. Die Antragsteller, die Kinder von Hermann Flörsheimer, Clara Strauss und Julius Flörsheimer, werden am 7. 3. 1967 als nicht mehr aktiv legitimiert anerkannt, da am 20. 1. 1964 wegen der Judenvermögensabgabe über 5750 RM eine Entschädigung von 1150 DM und wegen der Judenabgabe von 11.839 RM 2367 DM empfangen worden seien.

Hermann Flörsheimer tritt als Erbe und Antragsteller in Wiedergutmachungs- und Rückerstattungsverfahren verschiedentlich auf:

Es geht einmal um den Nachlass des Julius Hirsch, Darmstadt, hier Grundbesitz in Gräfenhausen in der Rückerstattungssache gegen Valentin Bauer in Gräfenhausen bezüglich zweier Liegenschaften (Fl. II, Nr. 84,) im Jahre 1949. Der Kaufpreis betrug 4000 RM = 2000 unter Einheitswert von 6000 RM und mindestens 4000 RM unter Verkehrswert mit 8000 RM. Flörsheimer fordert im Oktober 1952 3000 DM. Bauer sah sich schon 1949 nicht in der Lage, seine Liegenschaft „noch einmal zurückzukaufen“. Hermann Flörsheimer erzielt als Erbe nach Julius Hirsch, gegen den Schuldiener Valentin Bauer in Gräfenhausen eine Ausgleichssumme von 3000 DM.

Die Erbscheine lauten auf die Geschwister der Auguste Hirsch, geb. Flörsheimer, der Schwester des Erblassers Julius Hirsch und der Geschwister des Antragstellers Hermann Flörsheimer (Verlhaguet, Frankreich). Hermann, der Erbe nach Julius Hirsch in Darmstadt, vertritt auch den Rückerstattungsanspruch gegen die Eheleute Reitz, Gräfenhausen seit 1949 (Grundbuch Gräfenhausen II Nr. 552 und VIII, 69). Der in Rede stehende Vertrag vom 16. 2. 1934 war zwischen Julius und Sofia Hirsch, geb. Metzger und Ehepaar Reitz IV., Peter und Elisabeth, geb. Höfner zum Preis von 2101 RM geschlossen worden und Reitz erklärt sich am 29. 5. 1949 zu Ausgleichszahlung bereit. Auch hier lag der Verkaufswert unter dem Einheitswert. Der Verkehrswert lag 1949 bei 1630 DM; im Entscheid vom 21. 2. 1949 der Wiedergutmachungsbehörde Darmstadt vom .18. 11. 1949. Die Erbenforderung gründet sich auf Abraham Hirsch, der mit Auguste Hirsch, geb. Flörsheimer = Schwester von Hermann Flörsheimer, geb. in Dornheim, wohnhaft in Verlhaguet, Frankreich, verheiratet war.

Aus den Akten im hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden (12444 N)ergibt sich das folgende Bild:

Erbangelegenheit und Rückerstattungssache Hermann Flörsheimer, geb. 3. 4. 1872 in Dornheim, gest. 30. 4. 1958 in Heidelberg. Der Erbschein vom 20. 4. 1959 weist als Erben Clara Strauss, geb. Flörsheimer und Julius Flörsheimer, Montauban aus. Die Witwe Franziska Flörsheimer, gest. 17. 12. 1942 ist von ihrem Sohn Jakob Flörsheimer, Frankfurt a. M., als Alleinerbe beerbt worden, so laut Erbschein vom 19. 12. 1949. Ebenfalls laut Erbschein ist Jakob Flörsheimer, gest. 8. 5. 1945 von seinem Onkel Hermann Flörsheimer (Montauban, fälschlich auch Monobau) als Alleinerbe beerbt worden; festgestellt Frankfurt a. M. am 19. 12. 1959. Am 29. 3. 1962 gibt Jules Floersheimer, Montauban eidesstattlich an, dass ihm die Wohnungseinrichtung von Franziska Flörsheimer unbekannt sei, dass sie aber 6-8 Zimmer in Groß-Gerau bewohnte; sie ist deportiert worden. Franziska war seine Tante. Am 8. 8. 1963 wird festgestellt, dass Franziska Flörsheimer in Ffm, Neumannstr. 36, wohnte, ab Dez. 1939 in der Friedberger Landstraße 30 Frankfurt a. M. und ab 1941 in der Gausstraße 14 zur Untermiete bei Moses gewohnt hat. 1942 ist sie deportiert worden. Die Oberfinanzdirektion bietet vergleichsweise 3500 DM Schadensausgleich an. Am 5. 9. 1963 wird der Vergleich angenommen. Am 27. 9. 1963 klagen Clara Strauss, geb. Flörsheimer und Julius Flörsheimer, Montauban gegen das Deutsche Reich. Der Hergang wird wiederholt: Die Witwe Franziska Flörsheimer, geb. Mainzer, beerbt von ihrem Sohn Jakob Flörsheimer, der am 8. 5. 1945 starb, wurde von seinem Onkel Hermann Flörsheimer alleinige beerbt. Der starb am 30. 4. 1958 in Heidelberg und wurde von seinen Kindern Clara Strauss, geb. Flörsheimer und Julius Flörsheimer beerbt. Ein Teilvergleich lautet auf 3500 DM. Am 7. 3. 1967 wird festgestellt, dass die Antragsteller nicht mehr aktiv legitimiert sind, da am 20. 1. 1964 wegen der JUVA eine Entschädigung von 5750 RM 1150 DM erhalten worden seinen und wegen der JUVA von 11839 RM (Heimeinkauf)2357 DM erhalten worden seien.

HHStAWI Nr. 22468N Erb- und Rückerstattungsansprüche nach Franziska Flörsheimer, geb. Mainzer: Laut. Bescheid vom 25. 10. 1963 erhalten die Erben nach Franziska Flörsheimer und nach Hermann Flörsheimer, Dornheim, geb. 3. 4. 1872. Franziska Flörsheimer, geb. Mainzer ist die Ehefrau des Onkels von Hermann Flörsheimer, geb. 18. 2. 1879 in Zwingenberg, gest. 17. 12. 1942. Die Antragsteller erhalten 1150 DM wegen JUVA des Erblassers Hermann Flörsheimer und 2367 DM wg. Sonderabgabe an die Jüdische Gemeinde Frankfurt a. M. Insgesamt handelt es sich um einen Erbeserben-Konflikt. Franziska Flörsheimer soll in Theresienstadt am 17. 12. 1942 umgekommen sein; vorher hat sie einen Heimeinkaufsvertrag abschließen müssen, wie das in Theresienstadt üblich war. In einem Vergleich vom 12. 8. 1966 des Landes Hessen gegen das Deutsche Reich zahlt der Antragsgegner 1478,88 DM wegen. Heimeinkaufsvertrag an Hessen.

Flörsheimer Hermann, geb. 3. 4. 1872 Dornheim als Miterbe des Jakob Flörsheimer, geb. 31. 7. 1906, gest. 8. 5. 1945 (festgesetzt); Hermann F. beruft sich auf die Ablehnung eines Entschädigungsbescheids vom 15. 8. 1953 für ein beschlagnahmtes Bankkonto über 3234 RM vom 25. 11. 1941. Sein Erbschein vom 19. 12. 1949 weist aus, dass er der Erbe des am 8. 5. 1945 verstorbenen, zuletzt in Frankfurt a. M. wohnenden Jakob Flörsheimer, seines Neffen, ist. Der Onkel Hermann Flörsheimer ist Alleinerbe und wohnhaft in Verlagueth par Motobau (sic!), Tarn et Garonne.

Es liegt auch vor der Erbschein nach Hermann Hirsch Flörsheimer, eben desselben, geb. 3. 4. 1872 in Dornheim und gest. 30. 4. 1958 in Heidelberg, ausgestellt am 20. 4. 1959: Dessen Alleinerben sind jetzt die Kinder Klara Strauss, geb. Flörsheimer, New York und Julius Flörsheimer, Montauban, Frankreich. Am 3. 12. 1965 ergeht Teilbeschluss in der Sache Clara Strauss und Julius Flörsheimer gegen das Deutsche Reich, mit dem Ergebnis einer Rückerstattung von 404,24 DM. 3234 RM waren aus dem Vermögen des Jakob Flörsheimer enteignet worden.

Grab in Heidelberg: