Darmstädter Straße 43 (früher 51)

Historische Fotogalerie Familie Rosenthal

Stolpersteinverlegung am 27.8.2013

Familie Rosenthal im Stolpersteine-Guide

Hier wohnte Alter im
Jahr 1933
Schicksal Bemerkungen
Sally Rosenthal
geb. 21.9.1891
42 1934 verzogen nach Mainz, von dort im Sept. 1939 Flucht nach Bolivien; 1952 in die USA

Metzger
Foto von 1930

Lina Rosenthal
geb. Seelig
geb. 23.9.1896
37 1934 verzogen nach Mainz, von dort im Sept. 1939 Flucht nach Bolivien; 1952 in die USA

Ehefrau von Sally
Foto von 1934

Renate Rosenthal
geb. 10.7.1926
7

1934 verzogen nach Mainz, von dort im Sept. 1939 Flucht nach Bolivien; 1949 in die USA

Lebenserinnerungen
von Renata Schwarz
(= Renate Rosenthal)
Hochzeitsanzeige im Aufbau 1947:

Tochter von Sally und Lina
Foto von 1934

Ferdinand Seelig
geb. 10.3.1868
gest. 11.3.1934
65  

Vater von Lina aus Büttelborn; Grab auf dem Jüd. Friedhof GG

Recherchen ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten:

Anzeige aus dem Jahr 1927

Am Anfang klingt‘s wie im Märchen: Im Sommer 1920 treffen sich Ferdinand Seelig aus Büttelborn, der Metzger Sally Rosenthal, 29 Jahre alt, aus dem Vogelsberg stammend, und seine Verlobte Lina Seelig, 24 Lenze zählend, beim Notar und kaufen eine Hofreite mit zwei Grabgärten zwischen der Darmstädter und Gernsheimer Straße zum Preis von 44.000 M. Der Verkäufer ist der künftige Schwiegervater von Sally. Er möchte im Grundbuch sogenannter Aushaltsrechte eingetragen sehen. Die Übergabe zum 1. 9. 1920 soll aber nur erfolgen, wenn die beiden Käufer bis dahin auch verheiratet sind. Die Ehe wird dann auch prompt am 23. 8. 1920 geschlossen, und das Anwesen geht je zur Hälfte auf das frisch gebackene Ehepaar über. Ferdinand Seelig hatte die Liegenschaft, auf der eine Metzgerei und Gastwirtschaft betrieben wurde, erst am 30. 1. 1920 vom Metzgermeister Heinrich Daniel Speiser und dessen Ehefrau Elisabeth, geb. Krauch, erworben. Es muss sich also um eine Art Morgengabe an die jungen Eheleute Rosenthal gehandelt haben, zur Gründung einer selbständigen Existenz. Natürlich müssen sich Rosenthals verschulden und schließen vor Weihnachten 1924 einen Ehe- und Erbvertrag nach bürgerlichem Recht ab.

Die einzige Tochter wird 1926 in der Darmstädter Straße 51 geboren und wächst wohlbehütet auf. „Ich war ein Einzelkind, auf das man sehnlichst gewartet hatte… Ich war von Dienstboten umgeben, sah jedoch meine Eltern nur selten… Meine Eltern gingen oft abends ins Theater oder Konzert in eine der benachbarten Großstädte… An solchen Tagen sah ich meine Mutter nur flüchtig, wenn sie in der Abendgarderobe und nach Parfum duftend in mein Zimmer kam, mir einen Kuss gab und mich ermahnte aufzupassen, dass ich ihre Frisur nicht durcheinander brachte. Ich schlief ganz allein im ersten Stock unseres großen Hauses, da mein Kindermädchen jeden Abend mit seinem Freund ausging…. Das Allerschönste war unser Garten…. Mein Großvater wohnte im Nachbardorf [Büttelborn]. Er war der Vater meiner Mutter und mein einziger lebender Großelternteil. Die Eltern meines Vaters waren im Ersten Weltkrieg gestorben, und auch meine Großmutter mütterlicherseits starb bereits, als meine Mutter noch ein junges Mädchen war, so dass sie damals die Verantwortung und Sorge für ihre jüngere Schwester, ihren Bruder und ihren Vater hatte übernehmen müssen…“

So beschreibt Renate Rosenthal, spätere Renata Schwarz, ihre frühen Kindheitserinnerungen in Groß-Gerau, bevor sie 1934 alle nach Mainz in die Kaiserstraße 27 wegzogen. „Ich kann mich auch noch erinnern, dass am Sabbat am Rande des gartenartigen Parks, der vor der Synagoge angelegt war, immer mehrere christliche Frauen und Jugendliche herumstanden und neugierig die Juden, die zur Synagoge gingen, betrachteten. Sie sagten: ‚Wir brauchen gar nicht nach Paris zu fahren, um zu wissen, was die neueste Mode ist. Wir müssen nur am Samstagmorgen hierher kommen und bekommen eine kostenlose Pariser Modenschau geboten. Die jüdischen Frauen sind immer von Kopf bis Fuß nach der neuesten Mode gekleidet‘ … Groß-Gerau war zwar eine Kleinstadt, aber als Eisenbahnknotenpunkt mitten im Rhein-Main-Gebiet besaß es eine weltoffene Atmosphäre. Schließlich waren die benachbarten Großstädte nur eine halbe Zugstunde entfernt, und die Leute fuhren regelmäßig dorthin.“

Diese Idylle trübte sich in Renates Schulzeit schon erheblich und erst recht, als auch das Geschäft ihrer Eltern 1933 boykottiert wurde. Familie Rosenthal war nicht orthodox, sondern dem liberalen Judentum verpflichtet. Somit wurde in der Metzgerei koscheres aber auch nicht koscheres Fleisch verkauft.

Lassen wir Renate noch einmal zu Wort kommen: „Eines Tages beobachtete ich vom Fenster aus, wie ein SS-Mann mit einem Gewehr über der Schulter vor unserem Geschäft auf und ab ging. Ich lief in den Laden hinunter und sah, dass er leer war…. Ich erfuhr später, dass mein Vater an diesem Tag ein Schild ins Schaufenster gestellt hatte, auf dem das Versprechen des Kaisers aus dem ersten Weltkrieg an seine Soldaten, zu denen auch mein Vater zählte, zitiert war. ‚Der Dank des Vaterlandes ist Euch gewiss!‘“

Wer mehr über das Leben von Renate Schwarz wissen will, der nehme Renata Schwarz, Von Mainz nach La Paz zur Hand, aus dem zitiert wurde und das in Mainz 2007 erschien. Es ist der erste Teil ihres dreibändigen Lebensberichts, „It Happened in Three Countries“, der unter dem Pseudonym Renee Rosen in New York 1979 erschien. Es ist der Bericht über Flucht und Auswanderung von Groß-Gerau über Mainz, nach La Paz, Bolivien und schließlich in die USA.

Das Jahr 1934 sieht die Familie Rosenthal bereits in Mainz; für ihr Groß-Gerauer Haus haben sie den befreundeten Pächter und späteren Käufer Jakob Wiener gefunden. Der Großvater Seelig war im Alter von 66 Jahren bereits am 11. 3. 1934 gestorben, und so kann der bevollmächtigte Rechtsanwalt H. Dietz aus Mainz die Löschung des Auszugsrechts in der Darmstädter Straße 51 für die Rosenthals im Grundbuch vormerken lassen. Während des Pogroms vom November 1938 wird das Haus in der Kaiserstraße in Mainz verwüstet, wo sich Rosenthals eine zweite Existenz mit einem Weinhandel aufgebaut hatten.

Der Notar H. Dietz, Mainz-Weisenau, regelt im Auftrag auch alles Folgende: Am 18. 4. 1939 kauft Jakob Wiener, Metzger in Groß-Gerau das Anwesen Darmstädter Straße 51; er ist bevollmächtigt von seiner Ehefrau Lina, geb. Jakob, die zu dieser Zeit im Krankenhaus in Frankfurt liegt. Der Kaufpreis beträgt 19.000 RM, die in Raten zu 2600 RM, 50 RM, 50 RM, 100 RM, 100 RM, 100 RM bereits ab 1936 (sic!) bezahlt wurden, so dass lediglich ein Restpreis von 16.000 RM zu entrichten ist. Die damals achtjährige Renate erinnert sich, dass sie bei Jakob Wiener, von Mainz aus mit der Bahn nach Groß-Gerau fahrend, die einzelnen Raten regelmäßig abholte.

Die Mischung aus Verpachtung und Verkauf des Geschäfts, zeitlich gestaffelt, kommt eher einer „freundlichen Übernahme“ nahe als der sonst häufigen unverhohlenen Arisierung. Der Vorgang zeigt, dass die Eheleute Rosenthal ein feines Gespür für das Kommende hatten und das sollte sich auch nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ als vorteilhaft für sie erweisen. Das verhinderte jedoch zunächst nicht, dass der Kaufpreis auf dem üblichen Sperrkonto bei einer Devisenbank für Erlöse aus jüdischem Besitz eingefroren wurde. Die Nutzung des Kontos war von Fall zu Fall genehmigungspflichtig. Das schrieb die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. 12. 1938 vor.

Lina Wiener, die erste Ehefrau von Jakob ist am 20. 5. 1939 in Frankfurt verstorben, nicht ohne zuvor ihren Ehemann zum Kauf der Darmstädter Straße 51 ermächtigt zu haben; ihre Nacherben sind Jakob zu ¼ und die gemeinsame Tochter Gisela Anna Elise Wiener, geb. am 17. 9. 1937 in Groß-Gerau. Zur Vorgeschichte des Kaufvertrags zwischen Rosenthal durch Dietz und Wiener gehören Grundbuchvermerke in Bd. XVI Bl. 1213 vom 17. 4. 1939 wie die folgenden: aus dem Kaufpreis sind zu entrichten: 5800 RM Judenvermögensabgabe, 600 RM an jüdische Bezirksdarlehenskasse, 126 RM Auswanderungsabgabe… “Die Verkäufer sind Juden“; vorbehaltlich der Auflagen der Genehmigungsbehörde und der Devisenstelle erklärt „der Vertreter der Verkäufer, dass letztere demnächst auswandern und ihre Einreisegenehmigung nach Bolivien vom 2. 2. 1939 vorgelegt haben.“ Wenn wir noch einmal der Tochter Renate folgen: So gelingt der Familie am 2. 9. 1939, nach dem Beginn des Polenfeldzugs, die Auswanderung nach Bolivien; nicht in das gewünschte Exilland USA, weil die Visa-Kontingente begrenzt und die Zuteilungsziffer mit 28000 viel zu hoch war, um unter die 3000 zu kommen, die mit ihren Ziffern gerade 1939 dran waren, auswandern zu dürfen.

Vergeblich hatte die Mutter versucht, auf dem amerikanischen Konsulat in Stuttgart Einreise-Visa zu besorgen. Geholfen hat ein „guter Groß-Gerauer“, Hans Wagner, mit Bürgschaft, Geld und späteren Geldsendungen nach Bolivien. Mit 250 Dollar gelangen sie nach La Paz auf über 3000 m Höhe, was der Mutter gesundheitlich gar nicht bekam, in das Gebiet des indianischen Bolivien. Lina findet Arbeit in Cochabamba, etwas tiefer gelegen, während Renata in sechs Monaten Spanisch lernt. Der Vater versucht in La Paz eine Wurstfabrik aufzubauen unter mangelhaften Kühlmöglichkeiten (Energiemangel) und mit handbetriebenen Maschinen.

Und während die Rosenthals wenig außer ihrem Leben gerettet haben, geht es in Groß-Gerau kaufvertraglich weiter: Der für die minderjährige Gisela Anna Elise Wiener gerichtlich bestellte Pfleger genehmigt den Kaufvertrag und seinen Zusatz nachträglich; am 31. 5. 1940 erteilt das Vormundschaftsgericht seine Zustimmung. Der Pfleger für die Tochter von Wiener aus 1. Ehe ist Ludwig Hirsch und er, auch Stadtsekretär, wird in dieser Eigenschaft mehrfach für sein Mündel als Nachlassvermittler tätig, besonders wenn es um die Hypothekensicherung für Gisela Anna Elise geht.

Es beginnt die Nachkriegsgeschichte:

Am 18. 1. 1947 belegt das Amt für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung, Darmstadt, die Darmstädter Straße im Eigentum Wieners und Tochter mit der Vermögenssperre. Am 28. 2. 1950 haben Sally und Lina Rosenthal bereits Rückerstattung beantragt, das Landgericht Darmstadt fordert im Mai 1951 Grundbucheinsicht, und am 15. 8. 1951 ist der lapidare Vermerk zu lesen: „Durch Vergleich vom 27. 7. 1951 vor der Ersten Wiedergutmachungskammer bei dem Landgericht Darmstadt hat sich das obige Rückerstattungsverfahren erledigt.“ Was ist da passiert? Zu erfahren ist, dass eine Sicherungshypothek von 8000 DM für Sally und Lina Rosenthal, wohnhaft in Santa Cruz Bolivien im Grundbuch eingetragen ist. Der Besitz bleibt gegen Zahlung von 18.000 DM, die in zwei Raten zu zahlen sind, bei Wiener und wird demnächst sowohl ihm als auch seiner zweiten Ehefrau Emilie, geb. Veith, gehören. Die Vermögenssperre wird am 12. 9. 1951 aufgehoben. 1954 erteilen Rosenthals die Löschungsbewilligung für 8000 DM Sicherungshypothek.

Wie ging die Geschichte weiter, die wie im Märchen begann?

In Bolivien lernte Renata ihren deutschen Mann, einen Installateur, kennen, mit dem sie sich 1949 ihren Wunschtraum erfüllte, nach USA und über New York nach New Jersey auszuwandern, wo sie heute noch wohnt. 1952 ließ sie ihre Eltern aus Bolivien nachkommen. Der Vater wurde kränklich und starb mit 65 Jahren; die Mutter ging später nach La Paz und von dort nach Frankfurt zurück, wo sie um Wiedergutmachung und Rente kämpfte und schließlich in einem Frankfurter Altersheim starb. Renates Sohn, Ronald Josef lebte 13 Jahre in Israel; er wurde mit 18 zu Zeiten des Vietnamkrieges US Bürger, vermied es aber, eingezogen zu werden. Der Enkel ist orthodox und würde am liebsten nach Israel zurück. Auch der früher liberale Vater Sally wurde im Alter orthodox.

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