Mittelstraße 2 / Ecke Darmstädter Straße; unten historisches Foto um 1900

Historische Fotogalerie Mittelstraße 2

Hier wohnte

Alter im

Jahr 1933

Schicksal

Bemerkungen

Siegfried Kahn
geb. 10. 12. 1878

55

am 30.12.1934 Flucht in die USA

 

Frieda Kahn
geb. Lehmann
geb. 23.8.1887
in Schaafheim

46

am 30.12.1934 Flucht in die USA

 

David Kahn 1847-1902

 

eines natürlichen Todes verstorben

Vater von Siegfried

Eva Kahn,
geb. Selig
geb. 26.7.1860

73

1936 aus Worfelden hierher zugezogen; Flucht nach Frankfurt, dort am 17.1.1940 verstorben

Stiefmutter von Siegfried; Aus der 2. Ehe von David

David Kahn
geb. 30.9.1909
gest. 28. 11. 1991

24

am 12.4.1934 mit Bruder Heinrich Flucht in die USA Milwaukee

Sohn von Siegfried und Frieda

Norbert Kahn
geb. 8.10.1910

23

am 28.2.1927 Flucht in die USA. Kam für einen Besuch nach Groß-Gerau zurück und verließ zusammen mit seiner Schwester Thekla am 15.10.1933 GG in Richtung USA.

Sohn von Siegfried und Frieda

Thekla Kahn
geb. 16.8.1912,
gest. 28./ 30. 3. 2006

21

15.10.1933 Flucht in die USA; verh. Ernst Taussig

Tochter von Siegfried und Frieda

Heinrich Kahn
geb. 2.9.1914,
gest. 4. 9. 1991

19

am 12.4.1934 mit Bruder David Flucht in die USA Milwaukee

Sohn von Siegfried und Frieda

Erna Kahn
geb. 4.3.1916
gest. 6. 11. 1991

17

am 30.12.1934 Flucht in die USA

Tochter von Siegfried und Frieda

Max Kahn
geb. 11.10.1861

72

1937 Flucht in die USA

Bruder von Siegfried

Albert Kahn
geb. 28.1.1888

45

1942 von Köln deportiert nach Getto Minsk, dort ermordet

Bruder von Siegfried

Rudolf Kahn
geb. 6.5.1884 Worfelden

49

1934 aus Worfelden hierher gezogen;
am 14.12. 1937 Flucht in die USA
Stolpersteinverlegung in Worfelden, Unterdorf 33 am 4.2.2015

Bruder von Siegfried

Berta Kahn
geb. Lehmann
geb. 4.11.1892  in Schaafheim

41

1934 aus Worfelden hierher gezogen;
1937 Flucht in die USA
Stolpersteinverlegung in Worfelden, Unterdorf 33 am 4.2.2015

Ehefrau von Rudolf

Trude Kahn
geb. 21.4.1917
Worfelden
16 1934 aus Worfelden hierher gezogen;
1937 Flucht in die USA
Stolpersteinverlegung in Worfelden, Unterdorf 33 am 4.2.2015
Tochter von Rudolf und Berta
Ludwig Kahn
geb. 26.1.1920 Worfelden
13 1934 aus Worfelden hierher gezogen;
1936 Flucht in die USA
Stolpersteinverlegung in Worfelden, Unterdorf 33 am 4.2.2015
Sohn von Rudolf und Berta
Theodor Kahn
geb. 30.1.1921 Worfelden
12 1934 aus Worfelden hierher gezogen;
1936 Flucht in die USA
Stolpersteinverlegung in Worfelden, Unterdorf 33 am 4.2.2015
Sohn von Rudolf und Berta

Else Mann
geb Kahn
geb. 14.5.1897

36

am 15.12.1937 aus Worfelden hierher gezogen; am 13.12. 1938 Flucht nach Frankfurt, 1941 deportiert nach Getto Minsk, dort ermordet
Stolpersteinverlegung in Worfelden, Unterdorf 34 am 4.2.2015

Schwester von Siegfried

Max Mann
geb. 5.6.1896

37

am 15.12.1937 aus Worfelden hierher gezogen; am 13.12. 1938 Flucht nach Frankfurt, 1941 deportiert nach Getto Minsk, dort ermordet
Stolpersteinverlegung in Worfelden, Unterdorf 34 am 4.2.2015

Ehemann von Else

Inge Mann
geb. 13.10.1927

6

am 15.12.1937 aus Worfelden hierher gezogen; am 13.12. 1938 Flucht nach Frankfurt, 1941 deportiert nach Getto Minsk, dort ermordet
Stolpersteinverlegung in Worfelden, Unterdorf 34 am 4.2.2015

Tochter von Max und Else

Hugo Brill
geb. 18.8.1908 in Bad Laasphe;
gest. 1.3.1989 in Randallstown, Maryland
25 Flucht über Antwerpen in die USA;
Name in Passagierliste des Schiffes "Ilsenstein" vom 31.12.1937
heiratet 1947 Adele Kahn

Zur Genealogie der Familie Kahn siehe auch http://www.geni.com/people/Eva-Kahn/6000000000329462472

Recherchen ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten: Inzwischen konnten  sie dank der Mitteilungen von Frau H. Petashnick,  Jerusalem, einer Enkelin von Siegried Kahn aus Worfelden, wesentlich verfeinert werden. Sie besuchte anlässlich der Stolpersteinverlegung für die Familien des Kaufhauses Kahn Am Sandböhl im November 2012 Gross-Gerau . Aus ihren Aufzeichnungen über die „Kahn Family History-Germany“ geht folgendes hervor:

Siegfried (Yekusiel) geb. 10. 12. 1878, in Worfelden und Frieda Kahn, geb. Lehmann aus Schaafheim, heiraten am 18.  2. 1908 dort  und lassen sich 1920 in Gross-Gerau nieder, wo sie das Haus Mittelstraße 2 gekauft haben. Er stammt aus  Worfelden, Hauptstraße 32, und seine  Eltern sind David (1847-1902) und Therese Kahn, geb. Hirsch (gest. 1890).  Siegfried stammte aus der ersten Ehe Davids mit Therese und war der älteste Sohn,  und ihm folgten die Geschwister Emma, (9. 6. 1873)  Gustav (1880), Johanna (1885), emigriert nach USA Hancock Mi., verheiratet mit Isidor Reis aus Egelsbach, der im Ersten Weltkrieg fiel, Albert (28. 1. 1888), verh. mit Eva Selig, und Rudolf (5. 6. 1884) verh. mit Bertha Lehmann,  Eltern von Ludwig, Trude und Theodor.

In zweiter Ehe war David verheiratet mit Eva Kahn, geb. Selig  aus Weisenau, geb. am 26. 7. 1860; aus dieser Ehe gingen hervor: Sally (1891), verheiratet mit Bertha Flörsheimer, gest. in Frankfurt 1937, Karl 1892, gest. 1935 in Köln,  Max,  geb.  27. 12. 1893, gestorben 1941 in Frankfurt,  Augusta (1895), verh. mit Josef Keller, in die USA (Milwaukee) emigriert, sowie Elsa geb.14. 5. 1897, verh. mit Max Mann, Eltern der 1928 geborenen Tochter Inge. Diese Familie ist in Minsk nach der Deportation verschollen.

Die Kinder sind alle in Worfelden, Hauptstraße 32, geboren. 

Wie erging es ihnen während des „Dritten Reiches“?

Siegfried Kahn und Frieda Kahn. geb. Lehmann, waren die Eltern von fünf Kindern:

1. David, geb. 30. 9. 1909, Norbert, geb. 8. 10. 1910, Thekla, geb.16. 8. 1912, Heinrich, geb. 2. 9. 1914, Erna, geb. am 4. 3. 1916, die vor 1937 die Heinrich-Merck-Schule in Darmstadt besucht. Thekla, wird   als verheiratete Thekla Taussig die Wiedergutmachungsangelegenheiten ihrer Eltern in den fünfziger Jahren betreiben..

David,  der Vater unserer Zeitzeugin  für die verwandtschaftlichen Beziehungen der Familie Kahn, Frau Helen Petashnick,  war mit Rose Glusman verheiratet. Die Kinder des Ehepaars und die  Geschwister von Helen sind  Bert, Sandra und Alvin (Kahn); David starb am 28. 11. 1991 in Milwlaukee. „He worked at the S. Hirsch Firm which later became Getreideverwertung-Joint Stock Company or Aktiengesellschaft in the barley and grain commodities in Frankfurt..

2. Norbert, geb. 8. 10. 1910,  emigrierte zuerst und half der gesamten Familie zur Flucht, die  er  finanzierte. Er war  verheiratet mit Jean Gartner und hatte zwei Kinder  Richard und Marjorie. Alle außer zwei der fünf Geschwister gingen nach Milwaukee, Wiscons.

Zitat und Widmung der Tochter von David Kahn und der Enkelin von Siegfried und Frieda – Hellen Petashnick:

„He selflessly and courageouly with heroic effort saved not only his immediate family but also the majority of his extended famliy from the Nazi inferno of Hitler´s regime. For this we and the past generations and the future generations are eternally indebted to him in blessed memory.“

3. Thekla, geb. 16. 8. 1912, verh. mit Ernst Taussig, Eltern der beiden Söhne Stuart und Lynn. Sie starb am 28. oder 30. 3. 2006 in Chicago.

Helen Petashnick lässt ihre Tante Thekla sich während eines  Telefongesprächs vom 9. 1. 2006 kurz vor ihrem Tod erinnern : „My mother (Frieda Kahn) was a lady....Dr. Lüdecke was the Mayor of Gross-Gerau and Auntie Thekla played with his kids. The Mayor made a curtsy a knix when he saw her...

Edward Schott and Hugo Brill lived with them. Schott was Norbert´s employer and Brill was employed by Rudolph Kahn in Worfelden to learn the cattle business. They lived on corner of Mittelstraße 2 and  Darmstädter Straße. The office was in the home.

Schaafheim was a very religious village.

The Gross-Gerau Synagogue was a very beautiful building. There was a water outside. It was a very happy community – no jealousy and lots of respect.

Rothschild (living in the Margarethenstraße) was  my  Hewbrew teacher. Once he hit me so hard, I lost a tooth. Henry disobeyed and jumped out oft he window and the teacher let it out on me.

Hans Seligman (Erna´s husband) was from the town of Weimar.

Name of Grandfather David´s business was „Viehhandlung“. They lived in a brick house and the Grandfather lieved across the street (in Worfelden?). There was a church across the street, and they used to watch from behind the curtains to see what was going on there – funerals etc.

Gross-Gerau ist a Kreis Stadt – many cities around it. They lived comfortably – a dressmaker came to the house, they were well dressed. Had cleaning help. On Shabbat morning Mom went to the synagogue. They ate sweet shallot – the neighbor turned on the oven for them ...

Heine (Henry) was a cattle dealer. Norbert worked for Edward Schott in Frankfurt. David worked in commodities.

They felt the Germans were their friends.  I was friendly with the Goyjems. ...

Hitler came to Gross-Gerau [about 1935] and stood on a truck and drove through the town. People went wild. We were scared and stood behind the curtains. I think some people were beaten up. We found out the next morning who they were. They came to get my Dad, I idn´t let them in. They didn´t take him.

I had good schooling and  went to university.“

4. Heinrich, (Henry) geb. 2. 9. 1914, verheiratet mit Eva Reinheimer, früher in Darmstadt;  Eltern der drei Kinder Linda, Susan und Sanford (Kahn). Heinrich starb am 4. 9. 1991 in Milwaukee.

5. Erna, geb. 4. 3. 1916,  verheiratet mit Hans Seligmann, Eltern von zwei Söhnen Howard und Burton, der vor 1937 die Heinrich-Merck-Schule besuchte. Erna starb am 6. 11. 1991.  Zusammen mit Norbert ist sie die einzige, die nicht nach Milwaukee emigriert war, sondern nach Hancock, Michigan.

Als Siegfried und Frieda 1934 zusammen mit ihren Kindern in die Staaten emigrierten, rückten die Familien Rudolph Kahn  und  die Familie Max Mann  in ihrem Haus in der Mittelstraße 2 Groß-Gerau nach.

Im Grundbuch Groß-Gerau spiegelt sich dies so, dass Siegfried und Frieda die Brüder Siegfrieds (Rudolf, Albert und Max) mit der weiteren Abwicklung ihrer Geschäfte in Groß-Gerau bevollmächtigen. 1940 wird gegen Leopold und Siegfried Kahn ein Sicherungsanordnungsverfahren eingeleitet. Leopold, einer der beiden Kaufhausbesitzer,  ein Verwandter von Siegfried Kahn aus der Worfelder Linie wird  die Flucht ins Exil nicht gelingen.

Was bedeuten die Rückfragen des Landrats in Groß-Gerau beim Amtsgericht vom August und September 1940 wegen der Anerkennung der deutschen Staatsangehörigkeit „des Juden Siegfried Kahn, geb. am 12. 10. 1878 in Worfelden, wohnhaft Mittelstraße 2,  jetzt Milwaukee“, die sich auch auf Frieda Kahn, seine Ehefrau und deren Kinder David, Norbert, Thekla Kahn, Heinrich und Erna erstrecken? Der positive Bescheid darüber, dass Juden auch Deutsche sind oder Deutsche auch Juden sind, bedarf der Beweise durch vorangegangene Eintragung von Hypotheken in den Grundbüchern Groß-Geraus. Wenn ja, dann ja! Das Grundbuchamt bestätigt, dass die Übertragung der Mittelstraße 2 am 4. 6. 1940, zufolge der Auflassung an die Eheleute W. Zimmermann und F. Kohlhagen vollzogen wurde. Waren Dokumente nötig, um  in den Vereinigten Staaten die ehemalige deutsche Staatsangehörigkeit nachzuweisen?

Wenig erfahren wir über die  weiteren Geschwistern Siegfrieds: Gustav, geboren 1880 und Johanna, geboren 1885, verheiratet mit Isidor Reis aus Egelsbach. Er ist im Ersten Weltkrieg gefallen.

Mehr ist über Rudolf und Albert zu berichten:

Rudolf Kahn, geb. am 6. 5. 1884 in Worfelden, sechs Jahre jünger als Siegfried, heiratet er am 12.11.1917 in Schaafheim Berta Lehmann, geboren am 4. 11. 1892 in Schaafheim. Es ist eine Kriegstrauung. Die Familie lebt in Schaafheim. Sie wandern ebenfalls am 14. 12. 1937 zusammen mit ihren drei Kindern in die USA aus.

Trude, die Tochter, geboren 21. 4. 1917 in Worfelden, gestorben am 6. 2.  1998 in Fox Point, Wisconsin, veheiratete Owens.  Berta gebar ihre Tochter Trude 1917, während Rudolph im Ersten Weltkrieg in der deutschen Armee diente.

Ludwig, das zweite Kind, ist am 26. 1. 1920 in Worfelden geboren und starb am 23. 5. 2007 in Glendale, verheiratet mit Blanche Bein. 

Theodor, das dritte Kind, schießlich ist am 30. 1. 1921 in Worfelden geboren.

Berta und  Frieda Lehmann waren Schwestern aus Schaafheim und hatten die beiden Brüder Siegfried und Rudolph Kahn geheiratet.  Für Trude, Ludwig, Theodor und ihre Eltern bedeutet die verfolgungsbedingte Flucht in die USA die Rettung vor der antisemitischen Verfolgung.

Albert Kahn ist am 28. 1. 1888 in Worfelden geboren, wohnt in Bad Godesberg, Bonner Straße 10, wird nach dem Novemberpogrom seit dem 26. 11. 1938 im KZ Dachau inhaftiert und wird von Köln aus am 20. 7. 1942 nach Minsk ins Ghetto  deportiert, wo er den Tod findet.  Wie Helen Petashnick sich erinnert, war Albert mit Eva Selig, geb. 30. 6. 1891,  verheiratet und hatte mit ihr eine Tochter Thea, geb. 12. 8. 1924. Eva, wohl mit dem Namen ihres ersten Ehemannes auch Bear genannt, hatte aus dieser Ehe einen Sohn namens Solly [Sally?]. Sein Vater war im Ersten Weltkrieg gefallen. Diesen Stiefsohn  besuchte  Albert in Süd-Afrika, wohin er verfolgungsbedingt gezogen war, und während seiner Abwesenheit arrestierten die Deutschen seine Frau Eva und ihre Tochter. So kamen mit Albert alle drei im KZ 1942-1943 ums Leben.

In den Formularen von yad vashem liest sich das so: „Albert Kahn was born in Worfelden, Germany in 1888 to David and Therese. He was married to Eva, nee Selig. Prior to WWII he lived in Worfelden, Germany. During the war he was in Bonn, Germany. Albert was murdered/perished in Minsk, Belorussia (USSR). This information is based on a Page of Testimony.... submitted by his researcher, a Shoah survivor.“

Aus der zweiten Ehe David Kahns mit Eva Selig aus Weisenau entstammen

Sally, geboren 1891, verheiratet mit Bertha Flörsheimer; er starb 1937 in Frankfurt.

Karl, geboren 1892 , gestorben 1935 in Köln.

Laut Helen Petashnick: „Karl died of a heart condition before WW2. He was married to Ida a classy lady who lived in Köln. She imported silk. Ida came to New York before the war and couldn´t adjust to becoming a working person. She committed suicide.“

Max, geboren 1893, gestorben 1941 in Frankfurt. Er war Offizier im Ersten Weltkrieg,  wurde unter dem Nationalsozialismus mehrfach arrestiert und, wie H. Petashnick berichtet, vergiftet.  Noch 1939 war er in der Rückertstraße 57 in Frankfurt a. M. als Kaufmann ansässig.

Auguste, geb. 1895, verheiratet mit Josef Keller, in die USA emigriert.

Elsa, geb. 1897, verheiratet mit Max Mann; aus der Ehe geht die Tochter Inge hervor. Alle drei sind in Minsk verschollen. Sie wurden 1943 ermordet. Sie waren wohl die letzten Bewohner der Mittelstraße 2 in Groß-Gerau.

„Elsa Kahn-Mann, b. 14. 5. 1897 Worfelden...lived in Gross-Gerau and Frankfurt, daughter of David and Eva, died 1943 in Concentration Camp. Max Mann her husband, b. 5. 6. 1896 in Hahnheim died 1943 in Concentration Camp. He operated a retail day good store. It was built next to the house where Eva-Elsa Mann´s Mother lived. Ingeborg Mann or Inga , their beautiful daughter, b. 10. 8. 1927,  died 1943 in Concentration Camp. Elsa probably could have gotten out of Gemany but wouldn´t  leave her Mother Eva Kahn, second wife of David...Max had a small dry goods store....“, so Mrs. H. Petashnick in ihrem Bericht.

Der Angestellte Max Mann, verheiratet mit Elsa, geb. Kahn, geb. am 5. 6. 1896 in Hahnheim, zieht am 15. 12. 1937 von Worfelden nach Groß-Gerau in die Mittelstraße 2 und wird am 11./12. 11. 1941 von Frankfurt aus nach Minsk, Ghetto deportiert wo er umkommt. Das Ehepaar Mann hat ein Kind namens Inge(borg), das am 13. 10. 1927 in Worfelden auf die Welt kam, mit den Eltern in die Mittelstraße 2 umzieht und von der letzten Frankfurter Adresse aus, der Rückertstraße 57, im Alter von 14 am 11. 11. 1941 bei der 2. großen Massendeportation zusammen mit ihren Eltern ins Ghetto Minsk verschleppt wird, wo sie umkommt. Auch Markus und Siegfried Schott sollen kurzfristig von der Frankfurter Straße in die Mittelstraße 2 eingezogen sein. Es ist anzunehmen, dass auch die alte Frau Eva, „Witwe David Kahn“ umgekommen ist, vielleicht infolge eines der Theresienstädter Transporte.

Eva Kahn-Selig, seit 1902, dem Todesjahr Davids, Witwe, geb. am 25. 7. 1860 in Weisenau,  ist eine von drei Frauen, die am 24. 10. 1938 von der israelitischen Gemeinde in Groß-Gerau als Mitglieder genannt werden. Die Stiefmutter Siegfrieds ist am 15. 12. 1937 aus Worfelden,  Hauptstraße 32, in die Mittelstraße 2 zugezogen und zu identifizieren mit der „Frau David Kahn, Witwe Eva, geb. Selig“, der das Anwesen vor dem Verkauf zuerst als Schenkung zukommen sollte. Ihr gelang die Flucht nicht mehr; ihr  Name ist auf einem Stein an der Mauer des jüdischen Friedhofs in Frankfurt zu lesen.  Ihrem Mann David jedenfalls, nach dem eines der Kinder von Siegfried und Frieda benannt ist, blieb  diese Erfahrung erspart, da er vorher eines natürlichen Todes starb. Sie hat dort zeitweise bis zur Deportation zusammen mit Elsa und Max Mann gelebt.

Laut  Formular yad vashem aus den Opferlisten ist Eva Selig Eva Kahn in Theresienstadt ermordet worden.  Diese Information basiert auf einer Liste verfolgter Personen, die von verwandten Juden aus Milwaukee  erstellt und eingereicht  wurde, für ihre Verwandten, die in verschiedenen Ghettos und Todeslagern ums Leben  kamen. In dieser Liste sind folgende Personen aufgeführt:

Mann Else Kahn  
Mann Max  
Mann Inge  
Kahn Eva Selig Theresienstadt
Kahn Albert Theresienstadt
Kahn Thea Theresienstadt

„Today there is a large memorial stone for Elsa and Max and Ingeborg Mann and Albert Kahn and Thea and Eva Selig ...who were murdered by the Germans at Second Home cemetery in Milwaukee Wi. This memorial was set up by  Ludwig and Blanche (Bein) Kahn, Ted and Lilian (Katz) Kahn, Max and Trude (Kahn) Owens (Rudolph and Berta Kahns´s clhildren) and Ernst and Thekla (Kahn) Taussig (Siegfried and Frieda Kahn´s daughter.“

Die Tochter des jüngeren David Kahn, Mrs. Helen Petashnick, hat auch die Geschichte ihrer Großmutter Frieda Lehmann, geb. 23. 8. 1887, aus Schaafheim recherchiert; deren Eltern waren Helene (Itha), geb. Frank  und Leopold Lehmann, Heirat am 12. 5. 1884 in Laudenbach a. M. – heute Karlstadt. Aus dieser Ehe gingen (mit Frieda) fünf Kinder hervor: 

- Johanna (* 6.5.1885 in Schaafheim / + 21.4.1891 in Schaafheim)
- Frieda (* 23.8.1887 in Schaafheim / + 15.12.1962) oo mit Siegfried Kahn aus Worfelden
- Siegfried (* 1.6.188 in Schaafheim) oo mit Frieda Berney aus Laudenbach
- Nathan (* 12.4.1890 in Schaafheim)
- Bertha (* 4.1.1892 in Schaafheim / + 15.6.1970) oo mit Rudolf Kahn aus Worfelden.

Helen Petashnick berichtet: „Siegfried Lehmann, Frieda´s brother, married a woman also named Frieda (Berney). They lived in Schaafheim...He was a cattle dealer and had a hard time making a living. He took a job as a butler and kitchen help to a Jewish family near Berlin. They were killed in the Holocaust. Nathan married Klothilde and they immigrated to Milwaukee, Wisc. with their son Lotan? or Lou.“

Über die jüdischen Familien in Schaafheim hat Wolfgang Roth als ehrenamtlicher Archivar dort recherchiert und die Geschichte seit 1700 ausführlich dokumentiert, z. B in alemannia judaica. Dort begegnen auch die Familien Lehmann und Frank.

Über Hugo Brill liegen aus seinem Geburtsort Bad Laasphe diese Informationen vor:

Nach der alten jüdischen Meldekartei wurde am 18.08.1908 in Laasphe ein Hugo Brill geboren. Nach dieser Kartei hatte er unter anderem einen Bruder mit Namen Siegfried, der am 05.01.1907 in Laasphe geboren wurde. Die Eltern, der Viehhändler Michael Brill (geb. am 01.05.1866 in Fischelbach), und Fanny Brill geb. Rosenberg (geb. am 11.07.1871 in Laasphe) haben wahrscheinlich am 30.11.1891 geheiratet, wohnten in der Königstraße 23, hatten nach den hiesigen Unterlagen insgesamt 11 Kinder und sind nach Mitteilung des Sonderstandesamtes Arolsen in Theresienstadt verstorben. Wann sie deportiert wurden, ist nicht erkennbar. Der Sohn Hugo Brill ist am 18.05.1926 nach Gross-Gerau verzogen. Sein Bruder Siegfried (?) hatte sich bereits am 06.05.1922 nach Hachenburg abgemeldet.

Über das Haus in der Mittelstraße 2:

Die Gewann, um die es sich hier handelt, begegnet im Grundbuch unter der alten Bezeichnung „neben der Darmstädter Straße und dem Klein-Gerauer Weg zieht quer durch“. Die Hofreite mit Grabgarten „in der Schafgass“ gehörte wohl 1868 Philipp Mischlisch und seiner Ehefrau, geb. Hirsch. Siegfried und Frieda Kahn kauften den relativ großen Besitz im Januar 1920 von Johannes Schulmeyer I. und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Nold, für 350.000 M zusammen mit einem Acker „auf dem Johannisberg“ (Grundbuch Bd. XV, Bl. 1164). Die Kahns in Worfelden und Groß-Gerau sind Pferdehändler und verfügen in der Groß-Gerauer Gemarkung auch über zahlreiche Äcker.

Der entscheidende Kaufvertrag vom 11. 8. 1939 vereint Max Kahn, Kaufmann, Frankfurt, Rückertstraße 57 als Bevollmächtigten der Eheleute Siegfried Kahn und Frieda, geb. Lehmann, jetzt Milwaukee, Wisconsin, USA als Verkäufer und Friedrich Kohlhagen, Kaufmann, und dessen Ehefrau Anna, geb. Sperling, Mittelstraße Groß-Gerau als Käufer im Notariat Höfle. Die Mittelstraße 2 wird für 4500 RM verkauft. „Die Verkäufer sind Juden“ und bedürfen deshalb der Genehmigung durch den Reichsstatthalter. Diese wird am 28. 3. 1940 erteilt. Der Kaufpreis wird von 4500 RM auf 4200 RM herabgesetzt, der Verkaufserlös ist auf ein Auswanderersperrkonto bei der Devisenbank zu überweisen.

Dass Max Kahn als bevollmächtigter Verkäufer auftritt, hat folgende Vorgeschichte: Siegfried und Frieda Kahn erteilen schon am 17. 12. 1934, augenscheinlich vorausschauend,  Rudolf Kahn eine Generalvollmacht mit der Ergänzung, dass im Falle von dessen Ableben Albert Kahn in Bad Godesberg, Bonnerstraße 10, bevollmächtigt für die Eheleute handeln soll. Max Kahn, Kaufmann in Frankfurt, Kaiserstraße und Rückertstraße 57 ist ein Stiefbruder von Rudolf Kahn, der selbst zusammen mit seiner Frau Berta, geb. Lehmann, in der Mittelstraße 2 bis zum Verkauf wohnte.

Kurz vor dem Verkaufsdatum vom 11. 8. 1939 wenden sich Siegfried und Frieda an das Amtsgericht Groß-Gerau: „Wir bestätigen hiermit, dass Herr Max Kahn, Frankfurt, Grüneburgweg 149, das Recht hat, unsere Hofreite in Groß-Gerau Hessen, Mittelstraße Nr. 2 unserer Mutter Frau David Kahn, Witwe Eva Kahn, geb. Selig zu schenken.“ Unterzeichner: Siegfried und Frieda Kahn Milwaukee, Wisconsin USA 10 7. 1939.

Am 9. 9. 1939 teilt Max Kahn dem Amtsgericht mit, dass das Grundstück inzwischen verkauft ist und die Schenkung sich damit erledigt hat. Der Grundbuchauszug vom 21. 7. 1939, der das Ehepaar Kohlhagen als Eigentümer ausweist, enthält zugleich die Information über die Teilung des Grundstücks zu Gunsten der Eheleute Wilhelm Zimmermann und dessen Ehefrau Anna Maria Barbara, geb. Veith.

Daher wird ein zweiter Kaufvertrag fällig: Ebenfalls am 11. 8. 1939. Rudolf Kahn, der seine Generalvollmacht der Eltern auf den Kaufmann Max Kahn, Frankfurt/M Rückerststraße 57, übertragen hat, verkauft im Namen von Siegfried und Frieda eine Scheuer mit Hofraum (nach der Teilung der Mittelstraße 2) an Wilhelm Zimmermann, Kinobesitzer und seine Ehefrau Anna Maria Barbara, geb. Veith, Darmstädter Straße 2 für  2200 RM, zwangsweise  herabgesetzt. Wie üblich werden die „Verkäufer sind Juden“ in der Kanzlei Höfle darauf hingewiesen, dass der Vertrag der Zustimmung des Reichsstatthalters bedarf.

Im positiven Bescheid (gültig vom 28. 3. 1940 bis 30. 6. 1940) wird zugleich verfügt, dass 2025,68 M auf dem Auswanderersperrkonto festzulegen sind. Die unterzeichnende Behörde ist „Der Oberfinanzpräsident. Devisenstelle.“

17 Jahre nach dem ersten Kaufvertragsdatum, am 11. 7. 1946, wird Vermögenssperre auf die Eigentümer Mittelstraße verhängt und das Amt für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung in Darmstadt teilt dem Amtsgericht, Grundbuchamt Groß-Gerau mit, dass die JRSO das Rückerstattungsverfahren betreibt. Die Rückerstattungssache der Hessischen Treuhand GmbH gegen die Eheleute Kohlhagen und die beteiligte Kreisparkasse über das Objekt Grundbuch Bd. XXXVI, Bl. 2358, zum Preis von 4500 RM, herabgesetzt auf 4200 RM, veräußert am 11. 8. 1939, ist lt. Vertrag zwischen der JRSO und dem Land Hessen vom 13. 2. 1951 auf die – aktivlegitimierte- Treuhandverwaltung übergegangen.

Der Vergleich  beinhaltet: Das Eigentum bleibt bei den Käufern von 1939 gegen eine Ausgleichszahlung von 4000 DM, zu zahlen in Raten von 50 DM plus 6% Zinsen ab dem 1. 1.0 1951. Das Ergebnis ist sicher auch dadurch beeinflusst, dass die Mittelstraße 2 durch Fliegerangriff beschädigt wurde. Die Vermögenssperre gegen die Erwerber wird aufgehoben. Thekla Taussig, Tochter von Siegfried und Frieda Kahn will am 13. 12. 1966 noch einmal über den Grundbuchauszug informiert werden, da sie, wohnhaft in Milwaukee, Wisc., USA „Grundbuchauszüge zwecks Vorlage bei der hiesigen Foreign Claims Settlement Commisson of the US in Washington DC.“ für Kriegsschadenersatz benötigt. Damit ist dieses Verfahren abgeschlossen.

Ähnlich verhält es sich mit der „Scheuer mit Hofraum“. Die Vermögenssperre seitens des Amtes für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung wird am 28. 9. 1949 verhängt. Am 4. 2. 1952 erfährt das Grundbuchamt Groß-Gerau, dass die mittlerweile verwitwete Frieda Kahn Rückerstattung beantragt hat; im Mai 1952 wird der Sperrvermerk aufgehoben. Am 5. 6. 1952 ist das Rückerstattungsverfahren abgeschlossen. Der Vergleich zwischen Frieda Kahn, 4625 Terrace, Milwaukee 16, Wisc. USA, vertreten durch das Legal Aid Department in der Friedrichstraße 19, Frankfurt, und den Eheleuten Zimmermann bezüglich des Objekts Bd. XXXVI, Bl. 2357 besteht in einer Ausgleichszahlung der Käufer von 1939 über  600 DM, die bis 1. 6. 1952 auf ein Sperrkonto zu zahlen sind. Dem Verfahren ging die Rückerstattungsmeldung der JRSO bei der Zentralmeldestelle in Bad Nauheim am 5. 11. 1948 voraus und die Abtretung des Anspruchs an das Legal Aid Department am 13. 12. 1951.

Ähnliche Stationen hat ein Kaufvertrag durchlaufen, den Rudolf Kahn für Siegfried und Frieda am 2. 12. 1937 mit den Eheleuten Adam Happel, Schlosser, und Katharina, geb. Schramm, Ludwigstraße 6 bezüglich eines Ackers „hinter den Weingärten“ abgeschlossen haben. Für dieses Rechtsgeschäft werden die Rückerstattungsakten am 17. 2. 1953 geschlossen.

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