Frankfurter Str. 73 (ehemals Nummer 85)

Hier wohnte Alter im
Jahr 1933
Schicksal Bemerkungen
Lazarus Mayer
geb. um 1865
gest. 15.1.1915
-    
Babette Mayer
geb. Hirsch
-   Ehefrau von Lazarus;
verheiratet seit 1883
Ma(r)x Mayer
geb. 27.6.1892
41 Flucht 1940 in die USA Sohn von Lazarus und Babette;
Vorbeter in der jüdischen Gemeinde;
Kaufmann
Lina Mayer
geb. Simon
geb. 17.2.1893
40 Flucht 1940 in die USA

Ehefrau von Max; Anzeige zur Silberhochzeit im Aufbau 13.9.1946:

Ludwig Mayer
geb. 5.7.1922
11 Flucht 1939 nach England Sohn von Max und Lina
Betty Mayer
geb. 3.9.1927
6 Flucht 1940 in die USA

Tochter von Max und Lina. Verlobungsanzeige von Betty im Aufbau 20.7.1945:

Anne Pauline Mayer
geb. 14.7.1928

In den USA verheiratete Rudoler.

5 Flucht 1940 in die USA

Tochter von Max und Lina. Verlobungs-anzeige von Anne im Aufbau 19.12.1947:

Jakob Simon
geb. 21.7.1856
77 1942 deportiert nach Theresienstadt; ermordet

Vater von Lina und Großvater von Betty und Anne;
Anne Rudoler hat in Yad Vaschem ein Gedenkblatt für ihn und ihren Onkel Julius und ihre Tanten Klara, Recha und Bertha angelegt.

Henriette Simon
geb. Löser
geb. 30.8.1860
73 ?? Ehefrau von Jakob;
Heirat 1891 in Krofdorf
Diese Personen haben zuletzt nicht mehr hier gewohnt:      
Bertha Berney, geb. Mayer
geb. 17.8.1889
44 ermordet 1943 in Polen Schwester von Ma(r)x Mayer;
zuletzt Wörrstadt
Gedenkblatt
Julius Mayer
geb. 26.8.1890
43 ermordet 1945 in Polen Bruder von Ma(r)x Mayer;
zuletzt Cleve
Gedenkblatt
Recha Hirsch,
geb. Mayer
geb. 27.3.1894
39 ermordet 1944 Schwester von Ma(r)x Mayer;
zuletzt Oppenheim
Gedenkblatt
Klara Bodenheimer,
geb. Mayer
geb. 29.3.1896
37 ermordet 1942 in Polen

Schwester von Ma(r)x Mayer;
zuletzt Niederhochstadt/Pfalz
Gedenkblatt

zu Klara und ihrer Familie hier weitere Infos

Recherchen ergaben folgende Informationen über die Menschen und die Häuser, in denen sie wohnten:

Ma(r)x „Israel“ Mayer schrieb 1938 an das Groß-Gerauer Standesamt:

„Frankfurt a. M., 16.Jan. 1938, Bäckerweg 47 II
An das Standesamt Groß-Gerau,
verfügungsgemäß habe ich Max Mayer, geb. am 27. 6. 1892 und mein Sohn Ludwig, geb. am 5. 7. 1922, beide zu Gross-Gerau den zusätzlichen Vornamen von Israel beigelegt. Ebenso haben sich lt. Gesetz meine Frau, geboren am 17. Februar 1893 zu Krofdorf und meine Töchter Betty, geb. am 3. September 1927 und Anne Pauline, geb. am 14. Juli 19?? den zusätzlichen Vornamen Sara zugelegt.

Nachtrag bezogen auf die Frau: Lina, geb. Simon.

Hochachtend Marx Israel Mayer“

Ende der 1980er Jahre schreibt Betty Mayer, die Tochter von Max und Lina Mayer, in der deutschsprachigen amerikanischen Zeitung „Der Aufbau“: „Wir sind 1939 nach Amerika ausgewandert… Der Staat hat ja so viele frühere Juden nach Deutschland zurück eingeladen, vielleicht möchte Groß-Gerau das auch tun. Sie sind uns alle vieles schuldig.“ (in: Vorndran/Ziegler 1989, S. 21)

Lazarus Mayer und seine Ehefrau Babette, geb. Hirsch, verheiratet seit 1883 sind zum 23. 4. 1890 als Erwerber einer Hofreite mit Grabgarten in der Frankfurter Straße und einem Acker „vor dem spitzen Berg“ eingetragen. Ihr Besitz ist älter als die Anlage des Grundbuchs im Januar 1910. In der Erbauseinandersetzung der Eheleute Mayer 1917 werden genannt Frau Klara Mayer, geb. Freimark in Groß-Gerau, Michael = Emil Marx, Groß-Gerau, handelnd als gerichtlich bestellter Pfleger der minderjährigen Kinder des verstorbenen Metzgers Moritz Mayer Groß-Gerau, hier für Julius Willy Mayer, Groß-Gerau, dann Fräulein Berta Mayer, Groß-Gerau, Herr Max Mayer, Kaufmann Groß-Gerau, F räulein Recha Mayer, Groß-Gerau, Kaufmann Albert Mayer, Groß-Gerau, Kaufmann Julius Mayer, Groß-Gerau und letztens Ferdinand Marxsohn, Bierbrauereibesitzer, handelnd als gerichtlich bestellter Vormund für die minderjährige Klara Mayer. Objekt der Erb-Auseinandersetzung ist Bd. X, Bl. 755, Fl. III, 12 5/10, 333 30/10 und 333 35/10 „Acker vor dem spitzen Berg, Hofreite und Grabgarten in der Frankfurter Straße“.

aus dem Adressbuch 1912

Der künftige Eigentümer soll der Kaufmann Julius Mayer sein, der sich allerdings gegenüber seinen Geschwistern verpflichten muss und Einsitz- und Wohnrechte für Albert und Max Mayer einräumen muss. Im weiteren Verlauf sind dann Löschungsbewilligungen für Sicherungshypotheken seitens des Kaufmanns Salomon Simon und seiner Ehefrau Henriette Fränkel, Friedberg, jetzt Frankfurt a. M. Cronbergerstraße 36 und seitens Moses Rosenfeld und seiner Ehefrau Bertha, geb. Fränkel in Frankfurt Jügelstraße 7 im Jahre 1916 fällig: Am 1. 3. 1916 zeigt David Ginsberger an, dass Klara Amalie Fränkel, geb. Zunz im Alter von 75 Jahren am 29. 2. 1915 verstorben ist. Sie war die Tochter von Salomon David Zunz und seiner Ehefrau Amalia, geb. Schnapper, beide ebenfalls bereits verstorben.

Die Weitläufigkeit der geschäftlichen Verbindungen in der Familie Mayer werden auch durch den Heiratsschein von Joseph Berney, Handelsmann, geb. am 1. 1. 1886 in Wörrstadt, dort auch wohnhaft und seiner Ehefrau Bertha Mayer ohne Beruf, geb. am 17. 8. 1889 in Groß-Gerau, dort auch wohnhaft, mit dem Vermählungsdatum vom 29. 12. 1919 belegt. Denn den Löschungsbewilligungen von Sicherungshypotheken zugunsten der Minderjährigen Recha und Klara Mayer folgt am gleichen Tag, 1921 eine solche zugunsten Bertha Mayer, jetzt Ehefrau des Joseph Berney in Bürrstadt.

Julius Mayer bevollmächtigt seinen Bruder Max Mayer zu vermögensrechtlichen Geschäften im Wert von 24.000 M, und Lazarus Mayer zusammen mit Babetta bestätigen eine Obligation in Höhe von 689,80 M auf die Fa. Marxsohn. Im Grundbuchauszug wird die Immobilie in der Frankfurter Straße als „neben Friedrich Ruhland“ lokalisiert. 1921/1922 erfahren wir über Löschungsbewilligungen zugunsten Albert Mayers und zugunsten des Julius Willy Mayer, minderjährig, vollzogen durch den Vormund Marx Mayer.

Am 20. 6. 1922 verkauft Marx Mayer, bevollmächtigt von seinem Bruder Julius, zusammen mit seiner Ehefrau Lina, geb. Simon, für 12.000 M an Max Mayer das Objekt in der Frankfurter Straße. Die beglaubigte Unterschrift von Julius in Cleve unter die Vollmacht stammt vom 17. 6. 1922. Max und Lina Mayer, geb. Simon, nehmen eine Sicherungshypothek für die Groß-Gerauer Volksbank von 12.000 M „auf der Basis des Londoner Goldpreises“ auf. Die Geschäfte scheinen in der Folgezeit nicht gut gegangen zu sein, denn 1927 ist ein Zwangsvollstreckungsvermerk des Leopold Löwenberg, Biebrich, gegen Max Mayer zu löschen, und am 25. 8. 1926 erkennen Max und Lina Mayer Schulden gegenüber Albert Mayer, Cleve und Gottfried Hirsch jeweils in Höhe von 1500 GM an. Albert Mayer wohnt 1932 in Cleve, Große Straße 37-39 und hat seinerseits mit Schuldanerkenntnissen zu schaffen. Am 23. 8. 1937 werden Forderungen der Volksbank Groß-Gerau an den Israelitischen Friedhofsverband Groß-Gerau als neuen Gläubiger, vertreten durch den ersten Vorsitzenden Gustav Hirsch Groß-Gerau, abgetreten. Unterzeichner ist Engeroff, ältester Gerichtsmann. Im Oktober wird eine Pfändungsverfügung gegen Max Mayer aufgehoben: diese war wegen Steuerrückständen über 478,12 RM 1938 vom Finanzamt Groß-Gerau verhängt worden. Es folgen danach Löschungseintragungen zugunsten der Fa. Löwenberg Hamburg, Albert Mayer Cleve, Gottfried Hirsch, Mühlheim, dessen Witwe sich schon 1934 nach dem Tode ihres Mannes um Grundbuchauszüge auf Max Mayer erkundigte. Vor 1938 muss Albert Mayer, auch Meyer geschrieben, in Luxemburg verstorben sein.

Die Flurbereinigungskommission lässt 1939 den neuen Besitzstand mit zwei Objekten Hofreite Bd. IXI, Bl. 368 und Acker XIX Bl. 369 „in der Stadt“ eintragen. Danach am 9. 1. 1939 wird der entscheidende Kaufvertrag über Rechtsanwalt Kraft abgeschlossen:

1. Max Mayer, jetzt Frankfurt a M. Bäckerweg 47 II und 2. seine Ehefrau Lina, daselbst verkaufen an 3. Ferdinand Hess, Bahnarbeiter, Darmstädter Straße 54 Groß-Gerau und seine Ehefrau 4. Katharina Marie, geb. Müller das Objekt Fl XIX 368 Hofreite 235 qm und Fl. XIX 369 Acker „in der Stadt“ aus dem Vorerwerb vor 1914, im Erbgang an Mayer übergegangen. Der Reichsstatthalter genehmigt lt. Art. V §17 VO „über den Einsatz des jüdischen Vermögens“ vom 3. 12. 1938. „Die Verkäufer erklären, dass sie Juden sind“ und beziffern den Einheitswert mit 5590 RM. Am 4. 8. 1939 wird die Löschung für den israelitischen Friedhofsverband Groß-Gerau bewilligt: Es handelt sich um zwei Sicherungshypotheken „bis zum Höchstbetrag des Preises für 1 kg Feingold“ und „bis zum Höchstbetrag des Preises von 500 g Feingold“. Der Landrat bestätigt, dass Gustav Hirsch bis zur Überführung des israelitischen Friedhofsverbands in einen privatrechtlichen Verein (31. 8. 1939) dessen Erster Vorsitzender war. Die neuen Eigentümer Ferdinand Hess und Ehefrau Katharina Marie, geb. Müller, finanzieren ihren Kauf mit Hilfe der Deutschen Bau- und Siedlungsgesellschaft in Darmstadt, Heinrichstraße 2. Zum ersten Mal taucht der „ehemalige jüdische Besitz“ jetzt unter der Adresse „Frankfurter Straße 85“ auf. Das Haus scheint durch den Luftkrieg beschädigt worden zu sein.

Die Nachkriegsgeschichte durchläuft folgende Stationen:
1. am 12. 7. 1949 wird die Frankfurter Straße 85 mit Vermögenssperre belegt.
2. das Amt für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung Darmstadt beantragt den Rückerstattungsvermerk und fordert die Übersendung eines Grundbuchauszugs an (11. 12. 1950).
3. das Legal Aid Department im Auftrag der Jewish Restitution Successor Organization, Frankfurt, Friedrichstr. 29, erbittet die Grundbuchblattabschrift zu Bd. 31, Bl. 755.
4. nach dem Bescheid über die Vermittlung, der hier nicht vorliegt, wird die Vermögenssperre gegen Hesse am 22. 11. 1951 aufgehoben.

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